Edith Wolf Hunkeler, Rollstuhlsportlerin redete mit DeinAdieu-Autor Martin Schuppli über leben und sterben. Über Liebe und Tod. Über Freud und Leid. (Foto: Daniela Friedli)
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Edith Wolf: «Dem Tod begeg­ne ich mit Wür­de und Respekt»

Edith Wolf, gebo­re­ne Hun­ke­ler, ver­sprüht Lebens­freu­de. Seit 22 Jah­ren lebt sie im Roll­stuhl. Unbe­schwert unter­hielt sie sich mit DeinAdieu-Autor Mar­tin Schupp­li.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Journalist BR am
11. November 2016

Die­ses son­ni­ge Gemüt kann sich nie­mand antrai­nie­ren. Das kann nie­mand spie­len. So ein Lachen, so viel Fröh­lich­keit wird einem in die Wie­ge gelegt. Und weil die­ses Lachen, die­se Fröh­lich­keit so vie­len Men­schen Zuver­sicht und Hoff­nung schenkt, kehr­te die Lebens­freu­de zurück, obwohl das Schick­sal uner­bitt­lich zuge­schla­gen hat­te.

So pas­siert bei Edith Wolf, ledi­ge Hun­ke­ler. Bekannt als berühm­tes­te Roll­stuhl­sport­le­rin der Schweiz. Die Luzer­ne­rin erlitt bei einem Unfall vor über 8290 Tagen, genau am Diens­tag­mor­gen, dem 22. Febru­ar 1994, eine Quer­schnitts­läh­mung. Ist seit­her an den Roll­stuhl gefes­selt. Sagt: «Ich wer­de nie mehr auf­ste­hen kön­nen.»

Sie weiss, mit Ver­än­de­run­gen umzu­ge­hen

Wer denkt, das Gespräch wür­de jetzt trau­rig, es neh­me eine pein­li­che Wen­dung, der irrt. Edith Wolf lacht wei­ter. Strahlt. Erzählt von ihrer Toch­ter Elin, von Ehe­mann Mark. Sie redet über den Bau ihres Hau­ses im Wig­ger­tal, über das Leben als Roll­stuhl­sport­le­rin. Sie redet über das Wei­ter­le­ben nach dem Rück­tritt vom Spit­zen­sport und über ihre selbst­stän­di­ge Tätig­keit als Refe­ren­tin. «Oft spre­che ich über den Umgang mit Ver­än­de­run­gen im Leben – am Bei­spiel mei­ner Lebens­ge­schich­te», sagt Edith Wolf. «Wei­te­re The­men sind Selbst­dis­zi­plin, Moti­va­ti­on, Ziel­set­zung, Emo­tio­nen, men­ta­le Stär­ke.»

Rezep­te, wie jemand einen Schick­sals­schlag ver­ar­bei­ten soll, will Edith Wolf kei­ne erzäh­len. «Rat­schlä­ge zu ertei­len ist unglaub­lich schwie­rig, jeder Mensch fühlt anders. Wich­tig ist, dass man zuhört und ver­sucht, zu ver­ste­hen. »

«Für kur­ze Zeit ver­lor ich mein Lachen»

Die ers­te Zeit im Roll­stuhl war nicht ein­fach. «Für eine kur­ze Zeit ver­lor ich mein Lachen. Aber die Rea­li­tät kehr­te zurück. Ich merk­te, das Leben ist lebens­wert. Mir wur­de bewusst, ich bin gut auf­ge­ho­ben inmit­ten der Fami­lie, der Freun­din­nen und Freun­de.»

Das Leben kurz nach dem Unfall war für Edith Wolf ein Ritt durch Wel­len­tä­ler. «Es geht nicht jeden Tag auf­wärts. Im Gegen­teil. Manch­mal änder­ten sich die Aufs und Abs im Minu­ten­takt.»

Edith Wolf schil­dert die Zeit der ers­ten Aus­fahr­ten im Roll­stuhl, redet über das Gefühl, wenn sie die Spe­zi­al­hand­schu­he ange­zo­gen und sich in den Renn­roll­stuhl gesetzt hat. Sie redet über den sport­li­chen Erfolg, über die vier Welt­meis­ter­ti­tel, die bei­den Gold­me­dail­len an den Paralym­pics, über die unzäh­li­gen Höhe­punk­te.

Zuver­sicht kommt von innen

Das Gespräch ist span­nend und lan­det irgend­wann bei den Begrif­fen Hoff­nung und Zuver­sicht. Edith Wolf denkt nach. «Stimmt, es ist nicht das­sel­be», gibt sie dem Chro­nis­ten recht. «Hoff­nung hat mit etwas aus­ser­halb zu tun. Zuver­sicht kommt von innen.» Bei­des dür­fe man nie ver­lie­ren, sagt sie. «Die Blu­me blüht, so lan­ge sie Was­ser erhält. Sie braucht Lie­be.»

Und die Lie­be ist ein wich­ti­ges Gut im Leben von Edith Wolf. Die Lie­be zur Toch­ter Elin etwa: «Sie war schon von Klein auf sehr hilfs­be­reit, und ihre Art ist ein­fach bezau­bernd.» Oder die Lie­be zu Ehe­mann Mark: «Wenns sein muss, trägt er mich hucke­pack über Hin­der­nis­se, die wir Roll­stuhl­fah­rer nicht über­win­den kön­nen. Auf ihn kann ich mich ver­las­sen, und er kann auf mich zäh­len.»

Die Lie­be, die­se Lie­be, gilt es zu erhal­ten. «Dar­um knal­len bei uns kei­ne Türen und es schläft nie­mand ein, ohne dem andern eine gute Nacht gewünscht zu haben», sagt Edith Wolf. «Es könn­te ja sein, dass einer von uns nicht mehr heim­kommt oder am Mor­gen nicht mehr auf­wacht.»

«Ich weiss, dass jedes Leben ein Ende haben muss»

Gesprä­che über den Tod, über das Ster­ben sind der jun­gen Frau nicht fremd. «Wir sas­sen alle am Ster­be­bett, als mein Vater 68-jäh­rig starb. Und ich beglei­te­te mei­nen Onkel auf sei­nem letz­ten Weg.» Der Tod sei fas­zi­nie­rend, sagt sie. «Ich begeg­ne ihm mit Wür­de und Respekt. Und ich weiss: Jedes Leben geht zu Ende. Muss ein Ende haben.»

«Ich spür­te es, als mein Onkel starb»

Edith Wolf sass stun­den­lang am Bett ihres Onkels. Sie hat­te, im Gegen­satz zu ande­ren, kei­ne Angst die Ster­be­pha­se zu erle­ben. «Im Gegen­teil. Ich wur­de ruhig. Mein Onkel wur­de ruhig. Und als es soweit war, als der Tod kom­men woll­te, roch ich ihn, sah die begin­nen­de Mar­mo­rie­rung auf den Bei­nen, und ich spür­te, dass mein Onkel allei­ne ster­ben woll­te. Ich sag­te ihm, dass er gehen dür­fe. Wir ihn zie­hen las­sen. Dann ver­liess ich den Raum, und unse­re Her­zen wur­den schwer. Wir, ich und mein Bru­der, wir spür­ten es, als er starb.»

Beim Vater war es anders. Edith Wolf ver­brach­te den letz­ten Mor­gen allei­ne mit ihrem Vater, und für die­se Zeit, sagt sie, sei sie unheim­lich dank­bar. «Wir spür­ten, dass er sich bald ver­ab­schie­den wür­de. Alle Kin­der und Gross­kin­der waren zu Hau­se, um Abschied zu neh­men. Wir waren trau­rig, wein­ten, und es fühl­te sich an, als wür­de nichts wich­ti­ger sein als die­ser Moment. Es war berüh­rend, aber auch unend­lich trau­rig.

Edith Wolf Hunkeler, Rollstuhlsportlerin

Edith Wolf Hun­ke­ler, Roll­stuhl­sport­le­rin rede­te mit DeinAdieu-Autor Mar­tin Schupp­li über leben und ster­ben. Über Lie­be und Tod. Über Freud und Leid. (Foto: Danie­la Fried­li)

Zuver­sicht gehört zum Leben, wie der Tod

Eini­ge Tage spä­ter, an der Bestat­tung des Vaters, ver­las Edith Wolf in der Kir­che den Nach­ruf. «Ich dach­te nie, dass ich das schaf­fen wür­de. Ich wein­te bit­ter­lich und bat ihn, mir zu hel­fen, wenn es ihm wich­tig sei – und er gab mir die nöti­ge Kraft.»

Kraft geben, Kraft neh­men. Wie in all unse­ren Leben geht es auch bei Edith Wolf auf und ab. Für den Chro­nis­ten ist sie eine Art Vor­bild. Wer ihr Lachen erlebt, schöpft Zuver­sicht. Und die Zuver­sicht, die gehört zum Leben wie der Tod.

Text: Mar­tin Schuppli/Fotos: Danie­la Fried­li

Web­sei­te von Edith Wolf Hun­ke­ler www.edith.ch

Web­sei­te Schwei­zer Behin­der­ten­sport www.plusport.ch

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  • Schor­ta Mario

    Dan­ke für den wun­der­schö­nen Bericht!

  • Natha­lie Her­ren-Boss­art

    Sehr berüh­rend…

  • Petra Vocat

    Wun­der­schön zu lesen und gleich­zei­tig das Gefühl zu haben als säs­se Frau Wolf einem gegen­über…

  • Ein tol­ler Arti­kel! Sehr ein­fühl­sam ver­fasst und eine tol­le Grund­aus­sa­ge, wel­che die Kraft und inne­re Stär­ke so schön zu Gel­tung kom­men lässt.

  • Rita Schwa­ger

    Offen, ehr­lich, hin­ter­fragt und betrau­ert, so ist auch mei­ne Ein­stel­lung zum Tod
    Er, der Tod muss ein The­ma sein im Leben, sonst kann man nicht bereit sein, wenn es soweit ist

  • Tama­ra Geiss­büh­ler

    wow

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