Zu früh gefreut. Alois Birbaumers Lieblings-Café ist noch geschlossen. Die Vorfreude auf den ersten Besuch hält an. (Foto: Peter Lauth)
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Corona-Lockdown ade: Wann gehts wieder zum Schnitzel?

Der eine freut sich auf soziale Kontakte in seinem Lieblingscafé, der andere auf einen Wienerschnitzelschmaus. Noch sind die Wünsche unerfüllt. Der Briefwechsel zweier Freunde.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
15. Mai 2020

Lieber Martin

Es ist Freitag und ich könnte mich auf den Montag freuen. Auf den 18. Mai 2020. Gastronomen durften ja anfangs Woche aufatmen. Sie dürfen, mit Vorgaben zwar, Gäste empfangen und bewirten. Endlich kann ich wieder, mit einer Woche Verzögerung, meiner alten Passion nachgehen. Einen Kaffee geniessen in meiner Lieblings-Caféteria auf der anderen Strassenseite. Und das in perfekter Umgebung. Jetzt stell dir vor, meine Freude hält sich in Grenzen.

Der Besuch im «Arlecchino» beinhaltet nicht einfach Kaffee bestellen, Kaffee an den Tisch tragen, Kaffee trinken und leere Tasse an die Theke zurückbringen. Meine Motivation in diese Caféteria einzutreten, liegt viel tiefer. Diese Lokalität hat Tradition, sie hat sie nicht nur, sie strahlt sie aus. Hier treffen sich alle, es ist eine Künstler-Bar. Neben Kunstmalern, Musikerinnen, Poeten, Philosophen, Politikerinnen gehen ebenso Asylsuchende, Arbeiterinnen durch dasselbe Tor ein und aus – e anch’io.

Ich zitiere hier ein Gedicht von Paul Boldt. Er lebte von 1885 bis 1921 und ist nicht sehr bekannt. Ich hab von diesem Dichter viel gelesen. Die Verse stammen aus dem Büchlein «Auf der Terrasse des Café Josty» und tragen den zum «Arlecchino» passenden Titel «Literaturcafé»:

Er redet stets und muss beisammensitzen.

Ist hier einer, der Zorn empfand und schrie!

Ihr richtet lieber Worte ab zu Witzen

Und äfft die Hölle mit Analgesie.

Paul Boldt, Literaturcafé

Halt! Bevor du einen Zwischenruf platzierst, lieber Textchef, sag ich: Analgesie heisst Schmerzfreiheit. Macht Sinn, den Teufel so zu necken. Und das Ausrufezeichen muss sein.

Zurück zum Narren, zum Harlekin. Der Kaffee ist wohl ein Grund meiner häufigen Besuche. Doch die Kommunikation, das Sich-Treffen, das neue Kontakte finden und das Schwatzen, die von Emotionen durchtränkte Luft zieht mich hinein.

Meist greife ich nach zwei Zeitungen. Die eine klemme ich unter den linken Arm, die andere halte ich in der rechten Hand. Lese schon beim Begrüssen an der Theke. Bestellen muss ich selten. Es ist wohlbekannt: Der Alois wünscht einen Cappuccino ohne Zucker und über dem Schaum kein Schoggipulver. Der Kaffee muss weiss bedeckt sein, hochaufgetürmt. Ein eigentlicher Schneeberg. Statt der Bestellung kommt ein Gespräch zustande, begleitet von der mahlenden Kaffeemaschine.

Den Cappuccino nehme ich in die freie linke Hand und so suche ich an einem der eng zusammengestellten Zweiertische einen freien Platz. Links eine Dame, mit der ich schon stundenlange Gespräche führte. Rechts ein Herr, der seine Zeitung über meinen Tisch ausbreitet und sich über einen belanglosen, politischen Entscheid entsetzt. Hinter mir ein älterer Herr, der den Witz des Tages zum erwähnten politischen Entscheid in den Bart brummt. Kommt jemand rein, grüssen alle, geht jemand raus ebenso. Kommunikation pur. Fühlen und spüren in höchsten Rängen.

Wissenschaft wird wohl niemals

mit einem besseren

Bürokommunikationssystem

daherkommen als eine Kaffeepause

(Earl Wilson 1934–2005)

Und Überübermorgen, am Montag, 18. Mai 2020, soll dieser Treffpunkt wieder offen sein  – unter dem Motto «Social Distancing». Martin, erlaube mir ein zweites Ausrufezeichen.  Das geht nicht! Bis anhin standen zehn bis zwölf Tische auf kleinem Raum, und nun sollen zwei Meter Abstand gelten, von Tisch zu Tisch. Es blieben noch drei Tische – im besten Fall. An die Theke darf ich nicht. Sofort absitzen, heisst die Regel. Und meine Zeitung? Mein Stupser an die Nachbarin? Die Zeitung des Nachbarn auf meinem Tisch? Nix. Isolation. SOCIAL DISTANCING statt SOCIAL CONTACTING.

Wild entschlossen geh‘ ich ins Caféhaus

Martin, ich entschliesse mich, trotzdem ins Caféhaus zu gehen. Früh am Morgen. Wie immer vor dem 16. März 2020, dem fatalen Montag. Ich frage mich, ob ich wohl Kolonne stehen muss? Wäre ja möglich. Der Andrang dürfte immens sein, stell ich mir vor. Abstand zwei Meter. Sprechen wäre dann in diesem seriell oder bildlich angeordneten Gänsemarsch verboten. Mann würde hinter Mann stehen oder im besten Fall  steht Frau vor Mann. Gefahr drohe wegen der Zerstäubung des ominösen Sars-CoV-2. Ich bin trotzdem also wild entschlossen, hin zu gehen. Mir ist egal, wenn ich bereits an der Obergrundstrasse anstehen muss.

Ich stellte mir vor, ich würde Dir dann auf Höhe Moosstrasse telefonieren und Dir meinen Blick zur Habsburgerstrasse hin beschreiben. Vielleicht würde ich schon die Beschriftung «Arlecchino» sehen und dann wieder zwei Meter nach vorne schreiten. In Gedanken immer bei den Worten des Philosophen Markus Gabriel in der NZZ: Er schrieb vom «virologischen Imperativ». Hat dieses Virus wahrhaftig für mich ebenso die Bedeutung eines Befehls, den ich mental total nachvollziehen kann? Weiter sehe ich die Überschrift des Gesprächs von René Scheu mit dem Philosophen Gabriel, ebenfalls aus der NZZ: «Wir haben eine politische Monokultur, und alle halten sich auf unsicherer empirischer Grundlage an dieselben epidemiologischen Modelle.» Und gäll, Textchef: empirisch = Erfahrungswissen. *grins

Einen lieben Gruss aus dem sozial veränderten Luzern, wo das Arlecchino noch immer geschlossen ist. Von Hans hab ich mittlerweile erfahren, nächsten Montag startet das Team einen Versuch mit reduzierten Öffnungszeiten. Offen hat, seit dem letzten Montag, Daniele. Anstehen muss ich nicht.

Abbraccio. Alois

DeinAdieu-Autor Martin Schuppli
DeinAdieu-Autor Martin Schuppli steht vor seinem Schwatzgeschäft. Wann gibts wo das erste Wienerschnitzel? (Foto: Eddy Risch)

Mein lieber Alois

Hast du Sorgen. Dich plagen die Nöte eines urbanen Lebensgenossen. Eines golfbegeisterten Städters. Eines «Heimweh-Italieners». Ist ja klar, dir fehlen die unzähligen Schwätzchen, Spässchen und Neckereien mit den Mitmenschen. Du heiterer Mensch. Leute wie wir beide sind die Lackierten in Coronazeiten. Unmöglich, was wir alles nicht mehr unternehmen können. Unternehmen konnten. Es zu notieren macht keinen Sinn.

So frage ich: Was dürfen wir noch? Dürfen? Du weisst, ich mag das Wort nicht. Dürfen heisst – übertrieben – jemand erlaubt mir – womöglich gnädigst – etwas zu tun. Und darum meide ich dieses Wort. Ich schreibe, was zu tun wieder möglich ist. Was könnte ich unternehme, das zwei Monate nicht möglich war?

Auswärts essen etwa. Ich könnte mir überlegen, irgendwo ein Wienerschnitzel zu vertilgen. Ein leckeres, notabene. Flachgeklopftes Kalbfleisch müsste es sein. Kross gebraten in einer Panade aus «homemade» Brotbrösmeli. Ein ordentlicher Klacks Preiselbeeren dürfte nicht fehlen. Zudem sollte eine halbe Zitrone zusammen mit einem Sträusschen Peterli auf dem Teller liegen. Ob ich dazu Pommes bestellen würde oder dünne Nüdeli, fragst du. Eine intuitive Entscheidung. Tendenz Pasta.

Lieber Alois, meinst du, ich kann überhaupt einen Zweiertisch reservieren? Noch versuchte ich es nicht. Der Zweier nimmt doch fast soviel Platz weg, wie ein Vierer und generiert nur die Hälfte Umsatz. Ups. Heisst das Gastfreundschafts-Mantra in Zukunft «Wie schnell machen wir den Corona-Verlust wett»? Wäre durchaus verständlich. Dann werden wir Pärchen – ü65 notabene – zu ungebetenen Gästen.

Zurück zum «Öffnungsmontag» und den Tagen danach. Diesen Blog liest du also nicht im «Arlecchino». Da sind deine Vorstellungen gar etwas aus dem Ruder gelaufen. Lockdown-Verlängerung um eine Woche. *lach.

Meine Kantine, die Agrola-Tankstelle in Flums, ist offen, war es immer. Die Café-Ecke ist abgesperrt. Die Sitzbänke bei den Parkbänken ebenfalls. Stopp-n-Go ist möglich. Ich zapf also am Automaten einen perfekten Doppel-Espresso, bestelle bei Edith zwei kleine Laugengipfeli sowie eine gut gebackene «Schrube» – ohne Chörnli. Die lange Teigführung verschafft dem Brot die charakteristischen Löcher. Ich könnte etwas bluffen und sagen: Wie mein Selbstgebackenes.

Meine kleine Welt fasziniert

Und schon sind wir in meiner kleinen Welt gelandet. Hier dreht sich vieles um die üppige Natur im Garten. Der Frosch ist ein Thema, die Kaulquappen, das Heer der Feuerwanzen rund ums Hibiskusbäumchen sowie die unzähligen einheimischen Blumen, Gräser, Stauden und Sträucher. Täglich entdecke ich neue Blüten, Blättchen, Knospen. Stell dir vor, der kleine Aprikosenbaum, vorletzten Herbst gepflanzt, trägt über 20 Früchte. Zudem bereiten mir die grossen roten Köpfe des chinesischen Mohns grosse Freude.

China. Corona. Lockdownlockerung. Mein lieber Freund. Der Mohn wird verblühen und im nächsten Frühjahr erneut seine grossen roten Blätter entfalten. Das Virus wird uns ebenso erhalten bleiben. Das heisst für mich, vernünftig sein, situativ entscheiden. Logisch halte ich etwas mehr Abstand zu den Mitmenschen, trage bei Anita eine Maske, wenn sie mir die Haare schneidet und akzeptiere, einen Sommerstart zu erleben ohne Rammstein-Konzert im Letzigrund. Tja nun. So sei es.

Lieber Alois, lass uns geniessen, was bleibt. Tag für Tag. Lass uns kreativ und heiter sein. Denn spätestens seit Beginn der Corona-Krise ist vielen von uns eines klar: Gevatter Tod ist nah. Er steht hinter jedem von uns. Und irgendwann erleben wir die letzten Stunden. An diesem Tag, mein Lieber, an diesem Tag möchte ich herzhaft lachen.

Umärmel, guter Freund. Martin

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