Sprachen darüber, wie wichtig es ist, sich beraten zu lassen vor einem Schwangerschaftsabbruch. Von links: Anna Margareta Neff, Martin Schuppli, Gerhard Looser. Foto: Daniela Friedli
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Schwangerschaftsabbruch: Weiterleben mit dem verstorbenen Kind

Ein Schwangerschaftsabbruch sollte nie eine leichtfertige, eilig gefällte Entscheidung sein. Besser: Eine Frau, ein Paar lässt sich beraten. Das hilft, den Eingriff ins Leben zu integrieren. Denn: Nach einem Schwangerschaftsabbruch gibt es kein Weiterleben ohne Kind, sondern ein Weiterleben mit dem verstorbenen Kind.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
11. Oktober 2018

Und plötzlich waren sie wieder da, die Gedanken an eine Zugfahrt vor ungefähr 40 Jahren. Wir sassen nebeneinander, eine Freundin und ich. Frühmorgens. Unser Ziel war Genf. Zwei Arztpraxen wollten wir aufsuchen.

Wir, ein Liebespaar, zwei junge Menschen, die sich nicht vorstellen konnten, Eltern zu werden. Wie lange wir brauchten, einen Entscheid zu fällen, weiss ich nicht mehr. Aber es gab für uns nur diese eine klare Entscheidung: Abtreibung. Schwangerschaftsabbruch. Das sagte der Kopf, die so genannte Vernunft.

Und so geschah es. Erst bei einem Psychiater hinter dicken Eichentüren. Dann bei Dr. Ch. Ch. Ich bummelte durch die Altstadt, spazierte hinunter zum Jet d’Eau und hinauf zum Bahnhof, derweil meine Freundin unser Kind verlor.

Soweit ich mich erinnern kann, redeten wir nachher nicht mehr darüber. Weder miteinander, noch gemeinsam mit Freunden, Verwandten. Gut möglich, dass meine letzte Frage war: «Tuts weh?». Abends, im Zug zurück.

DeinAdieu-Autor Martin Schuppli schreibt jede Woche neue Geschichten und gräbt dabei längst vergessene Ereignisse aus. (Foto: Daniela Friedli)

Und jetzt, in diesem heissen Sommer, viele, viele Jahre später, holt mich die Geschichte ein. Just bei den Vorbereitungen zum Doppelinterview mit Anna Margareta Neff, Hebamme, Trauerbegleiterin sowie Leiterin der Fachstelle kindsverlust.ch und mit Gabriel Looser, Sterbeforscher, Autor, Theologe.

Unser Thema lautet Schwangerschaftsabbruch. Ich las die Abschlussarbeit von Anna Margareta Neff als Lebens- und Trauerbegleiterin. Las über Verlust, über Abschied, Menschwerdung und Kindstod. Über Geburt und Sterben. Über mögliche Wege, einen Schwangerschaftsabbruch zu verarbeiten und so ins eigene Leben zu integrieren.

Kein Pro und Kontra Schwangerschaftsabbruch

Bereits im Auto nach Bern entwickelt sich eine lebhafte Diskussion zwischen Fotografin Daniela Friedli und mir. Sie kann es sich nicht vorstellen, warum eine Frau ein Kind abtreiben lässt.

Später, in der Wohnung von Gabriel Looser, brauchen wir nicht um den Brei zu reden, weil es keinen Brei gibt. Das Thema Schwangerschaftsabbruch treibt uns alle um. In der nun folgenden Diskussion geht es in keiner Art und Weise um Pro oder Kontra Schwangerschaftsabbruch. Um Pro oder Kontra Abtreibung. Nein. Auf keinen Fall. Das wäre klargestellt.


Anna Margareta Neff, Hebamme, Trauerbegleiterin sowie Leiterin der Fachstelle kindsverlust.ch setzt sich intensiv mit Schwangerschaftsabbruch auseinander. Sie rät: «Redet genug früh darüber.» (Foto: Daniela Friedli)

Nun wollen wir etwas anderes «klarstellen».

Martin Schuppli: Wann beginnt das Leben?
Anna Margareta Neff: Für mich als Hebamme beginnt das Leben mit der Befruchtung des Eis und mit der folgenden Einnistung in der Gebärmutter der Frau. So ist die Spur des Kindes gelegt. Stellt die Frau fest, dass sie schwanger ist, sagen die Eltern: «Juhu, wir bekommen ein Kind». Stirbt das Kind im Mutterleib, reden viele Fachpersonen nicht mehr vom Kind. Sie reden möglicherweise von einem Zellhaufen oder von Schwangerschaftsgewebe, das nun fort sei. Das finde ich schlimm und aus Gesprächen mit Müttern, die eine Fehlgeburt erlebt haben, weiss ich, dass das sehr verletzend ist für die Frauen.

In eine glückliche Familie hineingeboren

Gabriel Looser: Hier bei uns im Haus kam vor wenigen Tagen ein Kind zur Welt. Wir sind eine kleine Hausgemeinschaft mit nur wenigen Parteien aus drei Generationen. Ich bin der einzige im Grossvateralter, und wir haben ein sehr freundschaftliches Verhältnis untereinander. Als die junge Mutter eines zweijährigen Knaben erzählte, dass sie wieder schwanger sei, nahmen alle im Haus daran teil, und wir erkundigten uns regelmässig nach dem Wohlergehen von Mutter und Kind.
Die Schwangerschaft ging problemlos vor sich, die Geburt ebenso. Und dann kam sie nach Hause, die kleine Prinzessin, wie ich sie gelegentlich nenne, und alle sind entzückt. Einen Tag später legte ihre Mutter sie in meine Arme und durfte ich sie zum ersten Mal ganz nah erleben – ein wahres Wunder.
Ich bin mit der Familie der «Prinzessin» befreundet. Etwa zwei Wochen nach der Geburt war ich bei ihnen zu Gast, bei den zwei kleinen Kindern, den Eltern. Mit ein paar Onkeln und Tanten plus den Grosseltern. Die Kinder standen im Mittelpunkt. Der «grosse» Bruder interessierte sich gelegentlich für seine kleine Schwester. Die Stimmung war ausgesprochen friedlich, glücklich und freundlich, fast wie in einer kleinen, heilen Welt, keine Selbstverständlichkeit in unseren Tagen – ein Wunschkind im wahrsten Sinne des Wortes. Gabriel Looser strahlt.

Engelslichtlein gesehen bei Eva Finkam, Sternkindbestatterin, Attiswil SO. www.sternlichtbestattungen.ch, (Foto: Daniela Friedli)

Martin Schuppli: Anna Margareta Neff, als Hebamme erlebst du beides. Freude und Leid. Du arbeitest auf beiden Seiten des Lebens.

Anna Margareta Neff: So ist es. Ein Kind kommt und eines geht. Sterben kann es im Verlauf der Schwangerschaft, bei der Geburt oder in der Zeit danach. Mit der Geburt ist bereits festgelegt, dass dieses «kommende Leben» einmal sterben wird, früher oder später. So wie wir alle einmal sterben werden. Wir sind «Meister» darin, das zu negieren.

Was geschieht bei einem Schwangerschaftsabbruch?
Gabriel Looser: Oft wird die Frage gestellt, was wir denn eigentlich abtreiben. Ist es ein werdender Mensch oder bloss Gewebe, beziehungsweise ein undifferenzierter Zellhaufen?
Diese Unterscheidung ist in meinen Augen ziemlich künstlich und abstrakt. Für mich ist alles Leben beseelt. Das heisst, ohne «Seele» gibts kein Leben. Ich setze hier das Wort Seele ein – den uns allen vertrauten Begriff. Gerne verwende ich ebenfalls die weniger religiös geprägte Bezeichnung «Lebensprinzip». Wo es nur Materie gibt, ist kein Leben – zum Beispiel gilt das in unserer Kultur für Steine. Doch gibt es Naturreligionen, für die Steine ebenso beseelt, also mit einer Form von Lebendigkeit erfüllt sind.
Zurück zur Frage: Wann beginnt das Leben? Damit die befruchtete Eizelle sich teilen, einnisten und immer weiter differenzieren kann, braucht es dieses Lebensprinzip, und zwar vom ersten Moment an. Es ist also eine Banalisierung, wenn jemand beim Schwangerschaftsabbruch bloss von «Schwangerschaftsgewebe» spricht, das «weggemacht» werde. Dieses Gewebe ist wohl noch kein fertiger, aber bestimmt ein werdender Mensch.

Anna Margareta Neff und Martin Schuppli. Das Thema Kindsverlust gab mittlerweile Stoff für verschiedene gemeinsame Geschichten auf DeinAdieu.ch. (Foto: Daniela Friedli)

Schwangerschaftsabbruch: Dank fachlicher Hilfe zu fundiertem Entscheid

Anna Margareta Neff: Ein Schwangerschaftsabbruch ist nicht harmlos. Medikamentös geht das bis zur achten, neunten Schwangerschaftswoche. Danach ist ein ärztlicher Eingriff nötig. Wenn Paare in einen Schwangerschaftskonflikt kommen, sollten sie sich Hilfe holen, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können. Dies möglichst in Kontakt mit dem Kind. Jeder der beiden soll dabei wahrnehmen, was ist das für mich, was macht das mit mir?
Wenn dann der Weg klar ist, könnten die Eltern ein Ritual zusammen machen. Wenn sie sich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden haben. Sie könnten dem Kind einen Brief schreiben und ihm erzählen, wieso es nicht bleiben kann. Sie könnten ein Kerzli anzünden und so nochmals einen Moment bewusst zu dritt sein. Sie könnten zu dritt einen Ort besuchen, der eine Bedeutung hat für die Eltern und dort etwas für ihr Kind machen. Etwa Blumen sammeln oder einen Steinkreis legen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Theologe, Sterbeforscher und Autor Dr. Gabriel Looser. «Es besteht Gefahr, dass nur richtig sein soll, was der Kopf verstehen und erklären kann.» (Foto: Daniela Friedli)

Gabriel Looser: Das heisst, du hilfst den beiden. Du hilfst ihnen, eine Beziehung aufzubauen, eine Beziehung zum Kind, das möglicherweise abgetrieben wird?

Anna Margareta Neff: Ich helfe ihr, ihnen, mit Würde und Anstand aus der Situation zu gehen.
Die erfahrene Hebamme erzählt von einer Frau, die sich von ihr beraten liess.
Die über 25-Jährige war in einem grossen Dilemma. Einerseits freute sie sich über die Schwangerschaft. Andrerseits war sie beruflich und psychisch in einer ganz schwierigen Situation. Wir schauten zusammen sorgfältig an, was für und was gegen dieses Kind spricht.
Es ist ganz wichtig, dass dabei nicht nur die kognitive Ebene besprochen wird. Wir schauen zusammen die emotionale sowie ebenso die körperliche Ebene an. Beispielsweise mache ich mit den Frauen eine Übung mit dem Rebozotuch: Die Frau liegt auf dem Boden, und ich wiege sie mit dem Rebozotuch um den Bauch und das Becken.

Martin Schuppli: Du pukst sie?

Anna Margareta Neff: (Lacht.) Du kennst das? Ja. Puken. Ganz eng einpacken, erklärt sie Gabriel Looser, zeigt es vor. So gepukt bist du sehr präsent am Ort des Geschehens. Ich fragte die Frau, wie sie sich fühle, was sie fühle im Bauch. So entsteht ein Bezug zum Körperlichen. Die Frau weinte, hatte wieder einen Bezug zu ihrem Bauch und dem Kind. Der Kindsvater war für das Kind, eine schwierige Situation.
Sie legt eine Pause ein.
Versteht mich nur nicht falsch, ich gebe keine Rezeptliste ab. Ich frage etwa: «Was machst du gerne?» Sie sagt: «Ich arbeite gerne im Garten». Ich sage: «Spazier durch den Garten, möglichst barfuss. Schau, wo es dich hinzieht. Spüre deinen Körper, atme und spüre die Erde unter deinen Füssen.» So bewegen wir uns weg von der kognitiven Seite. Weg vom Kopf. Und erst dann, wenn Leib und Seele miteinander verbunden sind, erst dann soll jemand eine Entscheidung fällen. In den meisten Fällen bleibt Zeit dafür.

Gabriel Looser: Kopfarbeit ist eine Krankheit unserer Kultur. Alle Probleme lösen wir mit dem Kopf. Das ist eine bedrohliche Verarmung an Emotionen unserer Kultur, eine Folge der grenzenlosen Vertechnisierung unserer Welt.

Anna Margareta Neff und Gabriel Looser sagen: «So sind wir erzogen».
Wir lachen und Gabriel Looser doppelt nach, sagt: «Hardcore-Naturwissenschafter sind so. Nur, was der Kopf verstehen und erklären kann, ist wahr und richtig.»

Wahrnehmung: Seele und Materie

Anna Margareta Neff: Ich begleite Frauen und Paare. Es gibt Frauen und Männer, die sagen, für mich wars noch kein Kind. Diese Paare entscheiden sich ohne Probleme für einen Abbruch. Und sie können damit im Nachhinein gut umgehen.
Für viele Frauen und Männer ist es jedoch nicht so. Für sie ist es bereits ein Kind. Und so sagen viele Frauen, dass sie Jahre später noch wissen, wie alt ihr Kind jetzt wäre.

Wurde beim Recherchieren mit seiner Vergangenheit konfrontiert und versöhnte sich mit dem Geschehen vor über 40 Jahren: DeinAdieu-Autor Martin Schuppli. (Foto: Daniela Friedli)

Pro Jahr melden sich auf der Fachstelle kindsverlust.ch etwa fünf Frauen, die sich beraten lassen, weil sie einen frühen Schwangerschaftsabbruch in Erwägung ziehen. In der Schweiz treiben jährlich 10 000 Frauen ab. Im Kanton Bern sind es jährlich 1200. Fünf Prozent der Abbrüche finden nach dem dritten Monat statt.

Anna Margareta Neff: Und hier stellen wir ebenfalls fest: Praktisch niemand sucht sich kontinuierliche Begleitung vor oder nach einem Schwangerschaftsabbruch. Über eine geplante Abtreibung zu reden, ist immer noch ein riesiges Tabu.

Gabriel Looser: Bis zur Einführung der Fristenlösung als Gesetz 2002 mussten die Frauen einen Psychiater aufsuchen, und der hatte zu entscheiden, ob der Gynäkologe die Schwangerschaft abbrechen durfte. Die Frauen mussten praktisch um Erlaubnis betteln.

Kindergrab auf dem Schossfeld-Friedhof in Bern. (Foto: Daniela Friedli)

Anna Margareta Neff: Die heutige Frau hat die Möglichkeit, rasch entscheiden zu können. Mit möglicherweise fatalen Auswirkungen. In Krisensituationen meinen wir, eine schnelle Entscheidung sei hilfreich, damit es schnell vorbei ist und wieder so wird, wie es vorher war. Erst im Nachhinein merken die Frauen, dass es nie mehr so sein wird. Ich frage mich, warum wir das zulassen? Warum unterstützen wir als Fachpersonen so etwas? Wir sollten fragen: Wie können Sie am besten, gesund an Leib und Seele weiterleben? Dafür braucht es Zeit und Unterstützung.

Text und Bearbeitung: Martin Schuppli, Dominic Koch, Fotos: Daniela Friedli

Mehr über Schwangerschaftsabbruch, über Mutter-, Kind-, und Vaterseele sowie über das schlechte Gewissen lesen Sie im zweiten Teil am Freitag, 26. Oktober 2018

SHMK
Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind
CH-4142 Münchenstein
Telefon 0800 811 100 (gratis)
helpline@shmk.ch |  www.shmk.ch
Fachstelle kindsverlust.ch während Schwangerschaft, Geburt und erster Lebenszeit
Belpstrasse 24, 3007 Bern

fachstelle@kindsverlust.ch  | www.kindsverlust.ch

Beratungstelefon: +41 31 333 33 60

 

 

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