Rebekka Ruzio: «Unsere Camille berührte nur kurz die Welt»

Rebekka Ruzio wusste, ihr Kind würde nicht lange leben nach der Geburt. Ihr war klar, das Baby könnte in ihrem Bauch sterben. Statt zu verzweifeln, gab sie dem Seelchen ganz viel Liebe. 

Freud und Leid gehören zusammen. Geburt und Sterben ebenso. Manchmal geschieht beides gleichzeitig. Dann, wenn die Ankunft eines Kindes gleich auch sein Abschied ist. Wie umgehen mit diesem Leid? Mit diesem Schmerz? 

Rebekka Ruzio-Lebdowicz schweigt. Schaut mich an und erzählt: «Zurückschauend, habe ich erkannt: Ich war Erfüllungsgehilfin für Camille, unsere kleine Seele. 43 Wochen lebten wir zusammen, über 300 Tage lag sie in meinem Bauch. Sie schlief mit mir und war wach, wenn ich es war. Ich spürte sie grösser werden, nahm ihre Bewegungen wahr.» Rebkka Ruzio hält inne. Hebt den Kopf. «Es waren echte, freudige Muttergefühle. Und das, obwohl wir seit der 15. Schwangerschaftswoche Camilles Diagnose kannten: Trisomie 18. Wir wussten, unsere Tochter wird in meinem Bauch sterben, bei ihrer Geburt oder einige Tage danach.» 

Eine halbe Stunde bevor sie das Licht der Welt erblickt hätte, starb Camille. Sie konnte keine Wurzeln bilden.

Wurzeln schlagen, war für die kleine Rebekka ein ebenso schwieriger Prozess. «Meine Eltern waren jung, überfordert und gaben mich bereits Säugling in die Obhut zu Pflegeeltern. Es waren meine Tante und ihr Mann. Sie wohnten im selben Dorf. Ich wuchs mit ihrem Sohn auf. Mein ‹Bruder› ist fünf Jahre älter, und wir alle pflegen heute eine gute Beziehung.» Rebekka schweigt, zündet sich eine Zigarette an und sagt: «Aber das Urvertrauen, das musste ich selbst bilden.»

Urvertrauen. Dieses wichtige Lebenselement wird in unserem Gespräch eine tragende Rolle spielen. 

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Wurzeln schlagen war schwierig für Rebekka Ruzio. «Das Urvertrauen, das musste ich selbst bilden.» (Foto: Eddy Risch)

«Wenns mich verjagt, gibts kein Zurück mehr»

Auf die Roger-Schawinski-Frage: «Rebekka, wer bisch du hüt?» antwortet sie: «Ich bin Mutter und Ehefrau, bin ein Mensch mit vielen Geschichten, bin an Künstlerischem und Kreativem interessiert – und ich engagiere mich sozial für beeinträchtigte Menschen.»

Mit 16 Jahren sei sie bei ihren Pflegeltern Hals über Kopf ausgezogen und quartierte sich einige Häuser weiter ein – bei den Eltern. «Mich kann man strapazieren, und ich warte lange», sagt Rebekka Ruzio. «Denn ich muss mir zu hundert Prozent sicher sein. Wenns mich verjagt, gibts kein Zurück mehr.»

Dieses «Hals-über-Kopf-Ausziehen» sei eine Art Flucht gewesen. Das Urvertrauen war erschüttert. 

Nach der Lehre als Floristin eröffnete die junge Frau in Märstetten bald ein eigenes Geschäft. Art Floral. «Eine glückliche, eine strenge Zeit. Wer an die Blumenbörse will, muss früh aufstehen. Das machte ich drei Jahre lang, dann verkaufte ich die Ein-Frau-Firma. Kunden hatte ich genug. War beispielsweise ein Orient-Express unterwegs, dann mit meinem Blumenschmuck.»

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Rebekka Ruzio schildert die Geburt von Sohn Marius. Sie dauerte lange, war schmerzvoll. (Foto: Eddy Risch)

Nach Marius’ Geburt auf der Glückswolke geschwebt

Uf und drvo – an den Zürichsee. Ihr Freund studierte in Wädenswil Lebensmittel-Technologie. Rebekka machte eine Anlehre als Fotolaborantin. Erlebte 1999 die Umstellung der Fotografie von analog zu digital.

2002 wurde Rebekka schwanger. «Diese Zeit erlebte ich mehr oder weniger gut. Ich hörte erst zwei Wochen vor der Geburt auf zu arbeiten», sagt sie. Am Dienstag, 14. Januar 2003, wars geschafft. «Marius erblickte das Licht der Welt. Seine Geburt dauerte 42 Stunden. Er war 58 Zentimeter lang, 4,5 Kilo schwer. Und ich war sehr schlank damals. Das war nicht so einfach, die Geburt dauerte lange, war schmerzvoll.» Rebekka schwebte auf einer Glückswolke, ihr damaliger Partner war irritiert. «Ich glaube, es war ein Schockmoment für ihn. Sein Sohn war da, und ihm wurde wohl bewusst, wir haben ihn für immer.»

Nach neun Monaten arbeitete Rebekka wieder. «Ich hatte einen Teilzeitjob bei einem Floristen und als Marius den dritten Geburtstag feierte, war ich alleinerziehend.» Sie verwirft die Hände und sagt: «Es war mein Befreiungsschlag. Ich musste mir keine Sorgen mehr machen über unser Wohlergehen. Das war gut, schwieriger war die finanzielle Belastung.»

Die Bio-Uhr tickte

Im Juni 2006 lernte die alleinerziehende, teilzeitarbeitende Mutter ihren heutigen Mann kennen: Gjoko. Die beiden Männer, der kleine Marius und der grosse Gjoko, fanden rasch einen guten Draht zueinander. «Wir erlebten eine gute Zeit, heirateten am Samstag, 1. September 2012. Mein Mann studierte Betriebsökonomie, und bei mir tickte die Bio-Uhr.» 

Sie lacht herzhaft. «Nach sechs Jahren Partnerschaft und vier Ehejahren, beschlossen wir, Eltern zu werden. Sechs Monate wollten wir üben, nach einem Monat war ich schwanger und überglücklich. Ich stoppte die Raucherei, verzichtete auf Alkohol und erlebte elf gute erste Schwangerschaftswochen.»

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Wurzeln schlagen war schwierig für Rebekka Ruzio. «Das Urvertrauen, das musste ich selbst bilden.» (Foto: Eddy Risch)

Camille litt an Trisomie 18

Dann, in der elften Woche, war das erste Trimester-Screening angesetzt. Grösse und Entwicklung des Babys schienen zufriedenstellend. Genaueres sollte die Blut-Untersuchung ergeben. Und die hatte es in sich: Erhöhtes Risiko für Trisomie 13 und 18. «Da beginnen die Räder zu drehen», sagt Rebekka. «Ich forschte, recherchierte, dann entschieden wir uns für weitere Untersuchung.»

Im Internet fand das Paar folgende Erklärung: Trisomie 18, das sogenannte Edwards-Syndrom, ist eine genetische Erkrankung, bei der das Chromosom 18 (oder Teile davon) dreifach statt zweifach vorhanden ist. Das stört die Entwicklung eines Kindes bereits im Mutterleib und verursacht diverse Organfehlbildungen. Die meisten der kleinen Patienten versterben bereits vor oder bald nach der Geburt. 

Der Panoramatest zeigte klar, das Kind von Rebekka und Gjoko litt an dieser genetischen Erkrankung. «Zu 99 Prozent sei klar, ich trüge ein Trisomie-18-Kind in mir, sagte der Arzt und gab uns eine Adresse für einen zusätzlichen Test. Die Fein-Ultraschall-Untersuchung sollte Klarheit geben.»

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«Nach dem letzten Test wusste ich, wussten wir, unser gemeinsames Kind ist schwer krank», sagt Rebekka Ruzio. «Es wird in meinem Bauch sterben oder kurz nach der Geburt still werden.» (Foto: Eddy Risch)

Gibts denn das? Ein Facharzt ohne Empathie

Was dann, in der mittlerweile 15. Schwangerschaftswoche, geschah, ärgert Rebekka noch heute. «Der Arzt redete nichts mit uns, er schaute in den Monitor, bewegte das Ultraschall-Gerät und als ich ihn bat, uns zu erklären, was er gerade anschaue,  sagte er, das Kind sehe gesund aus. Die Fallhand und die singulare Nabelschnur müssten nicht unbedingt auf einen Gendefekt hinweisen.» 

Rebekka und ihr Mann klammerten sich an dieses eine Prozent Chance, hofften ihr Kind möge gesund sein. Das wollten die Ärzte mit einer Punktion der Plazenta herausfinden. Der Facharzt hatte keine gute Kunde. Völlig uneinfühlsam sagte er zu Rebekka: «Machen Sie sich einen Gefallen und treiben Sie das Kind ab. Dann haben sie noch die Chance auf ein neues, gesundes Kind.» Unglaublich. 

Die werdenden Eltern waren entsetzt. Rebekka: «Nun wusste ich, wussten wir, unser gemeinsames Kind ist schwer krank. Es wird in meinem Bauch sterben oder kurz nach der Geburt still werden.» Wir schweigen. Mich wühlen Gefühle auf. Ich frage Rebekka, wie sie damit umgegangen sei. «Das kommunizierte ich nur in der Familie. Gegen aussen redete ich sehr bedacht darüber. Wollte Gesprächspartnerinnen nicht gerade mit Trauer und Tod konfrontieren.»

Sie, Gjoko und Marius, hätten einen Punkt gesucht, über den sie sich hätte freuen können. Das funktionierte. «Uns wurde bewusst, wir sind Erfüllungsgehilfen dieses heranwachsenden Geschöpfs, dieser noch kleinen Seele», sagt Rebekka Ruzio. «Wir ermöglichen ihr, die ihr auferlegten Aufgaben zu erfüllen. Das eröffnete uns einen neuen Horizont. Er half mir, er half uns, das Schicksal zu ertragen. Meine anthroposophische Erziehung, ohne Steiner-Schule, verhalf mir zu einem unkomplizierten Umgang mit Leben und Sterben.»  

Viele Lebensereignisse haben zwei Seiten. Statt mit dem Schicksal zu hadern, entwickelte Rebekka Ruzio in der Schwangerschaft positive Muttergefühl. (Foto: Eddy Risch)
Viele Lebensereignisse haben zwei Seiten. Statt mit dem Schicksal zu hadern, entwickelte Rebekka Ruzio in der Schwangerschaft positive Muttergefühl. (Foto: Eddy Risch)

Der kleinen Seele eine gute Zeit schenken

Rebekkas Sohn Marius war damals 14 Jahre alt. Ihn habe Camilles Schicksal traurig und wütend gemacht. «Wir halfen ihm, eine andere Haltung zu finden. Ich erklärte ihm, wir schenken diesem Mädchen eine schöne Zeit. So konnte er sich mit uns freuen. Manchmal drückte er ein Ohr an meinen Bauch und streichelte seine Schwester.

Im Sommer sollte Camille zur Welt kommen. Genau am Freitag, den 21. Juli. «Sie machte keinen Anstalten. Es war alles gut, sie hatte etwas mehr Fruchtwasser und konnte damit umgehen», sagt Rebekka. «Die folgenden drei Wochen war ich sehr angespannt und hundert Prozent überzeugt, Camille würde lebendig zur Welt kommen würde. Ich wollte sie streicheln und ihr in die offenen Augen sehen. Wollte hören, wie sie Töne machen würde.»

Es sollte nicht sein. In dieser Zeit vergrösserte sich leider Camilles Herz. Ein Zeichen, dass ihr System überfordert war. Rebekka verlor am Montag, den 14. August 2017, ihre Tochter Camille. Sie starb 30 Minuten vor der Geburt.

Sohn Marius sagte: «Gell du redsch nüt schön»

Warst du vorbereitet, frage ich? Sage: Damals ist aus der grossen Freude eine unfassbare Tragödie geworden. 

«Es ist und es war keine unfassbare Tragödie», antwortet Rebekka. Die Geburt half mir, half uns. Was ich erlebte, war Stimmigkeit und Harmonie. Es stimmte so, wie es geschehen ist. Es wurde zum tragenden Gefühl für die Zukunft. Ich fühlte mich dem Himmel, der geistigen Welt so nahe, und es war da nur Ruhe und Harmonie.» Rebekka macht eine Pause und unterstreicht dann die folgenden Worte mit Gesten. «Wer das nicht erlebt hat, sieht es als Horrorszenario. Dabei erlebte ich Glück, Stolz und Freude, wie bei meinem lebendigen Sohn.» Marius, damals 14 Jahre alt, war genau informiert, wollte alles ganz genau wissen. Er habe gesagt, «gäll du redsch nüt schön». 

Rebekka Ruzio-Lebdowicz
Rebekka Ruzio: «Daniela, die nachbetreuende Hebamme, heilte meinen Körper und half, Nötiges zu erledigen.» (Foto: Eddy Risch)

Vieles Traurige hat schöne Seiten

Sie habe nichts schöngeredet, sagt Rebekka. Sie habe aber gespürt, wie schlimm das verschiedene Trauern war. «Jeder von uns fühlte sich allein. Befremdet vom anderen, lebten wir uns auseinander? Wir versuchten es weiter. 

Die Ehe hielt den Folgen des Schicksalsschlages stand. «Solche Erfahrungen machen einen reifer, so schlimm oder so traurig sie sind.» Das Leben offenbarte euch seine beiden Seiten, sage ich. Rebekka Ruzzio: «Stimmt. Vieles Traurige hat schöne Seiten. So oben wie unten.» 

Sie habe nicht mit dem Schicksal gehadert, habe sich nicht gefragt, warum ich, warum wir. «Wir verspürten ebenso kraftvolle Momente, uns ist klar, diese Erfahrung macht nicht jeder Vater, nicht jede Mutter», sagt Rebekka. Helfend zur Seite stand den drei die nachbetreuende Hebamme. «Daniela kam täglich, sie fing mich auf, sie fing uns auf, und sie half, meinen Körper zu heilen. Und fing ebenfalls an, ein wenig die Seele zu heilen.» 

Rebekka zeigt mir ein Foto: Es zeigt eine Urne in Form eines Putten-Engelchens. Hier ist Camilles Asche geborgen. Das Schmuckstück hat einen besonderen Platz in der Stube gefunden.

Und es gibt noch weitere Erinnerungsgeschichten, Camilles Haarlocke, ihre Fussabdrücke, das kleine Schmuckstück aus einigen Tropfen Muttermilch. Rebekka hat für Camille ein Fototagebuch gemacht, beschreibt die wenigen Stunden mit dem stillgewordenen Körper. Jedes einzelne dieser Erinnerungsstücke ist eine kleine Geschichte, ist Camilles Geschichte, ihr Fussabdruck auf dieser Welt.

Rebekka Ruzio-Lebdowicz
Rebekka Ruzio sagt, wie wichtig die Nachbetreuung der Hebamme gewesen sei: «Daniela kam täglich, sie fing mich auf, sie fing uns auf, und sie half, meinen Körper zu heilen. Und fing ebenfalls an, ein wenig die Seele zu heilen. (Foto: Eddy Risch)

Unerträglicher Verlustschmerz: Keine Schwangerschaft mehr

In den Jahren nach Camilles Tod war Folgeschwangerschaft ein Thema. Sie hätte danach zweimal ein Kind erwartet. Das erste hätte sie in der elften Woche verloren, das zweite in der achten. «Da merkte ich, diesen Verlustschmerz ertrage ich nicht mehr. Das Thema Schwangerschaft ist abgehakt.» 

Rebekka: Was rätst du Eltern, die mit einem ähnlichen Schicksal konfrontiert sind? 
Rebekka Ruzio:
Wichtig ist, fest auf sein Herz und sein Bauchgefühl zu hören, nicht nur auf Ärzte und Fachpersonen. Ich rate, eine werdende Mutter soll sich so stark wie möglich in das heranwachsende Wesen einfühlen. Sie soll sich als Erfüllungsgehilfe akzeptieren und soll dieses Urverständnis kommunizieren. Die Intuition einer Mutter ist sehr stark, darauf gilt es zu vertrauen.» (schweigt kurz) Die Intuition kann sogar sein, ich fühle mich so schlecht mit diesem Kind im Bauch. Und dann heisst es, diesem Gefühl zu entsprechen.

Rebekka Ruzio-Lebdowicz arbeitet als Gastreferentin bei der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Was erzählst du den Hebammen an der ZHAW?
Ich erzähle meine Geschichte, rede über «Dos and Don’ts» einer Hebamme. Ich rede über das Fingerspitzengefühl, das ich fördern möchte. Ich rede über annehmen und helfen, über unterstützen und dasein für die Mutter, für die Familie. Ich appelliere dafür, feinfühliger zu werden. Ich sage: Gebt den Eltern so viel Zeit, wie sie brauchen. Ich weiss aus schmerzvoller Erfahrung, wie einen jedes Wort einen tief treffen kann. Wie sehr einen eine falsche Frage oder eine unbekümmerte Aussage verletzt. 

Was ist dir grundsätzlich wichtig in der Frage Kindstod?
Ich sage zu den Betroffenen: Lasst euch nicht stressen, gebt das stillgewordene Kind erst her, wenn ihr dazu bereit seid. Schafft Erinnerungen, macht Fotos, sammelt so viele Geschichten wie möglich. 

Es tat gut, eine Geburtskarte für Camille zu machen, ein Ring mit ihrem Namen ziert meinen kleinen Finger, die Perle aus der Muttermilch trage ich als Schmuckstück an einem Ketteli. 

Rebekka Ruzio mit DeinAdieu-Autor Martin Schuppli
Rebekka Ruzio und Martin Schuppli im Gespräch unterm Blätterdach der Gartentrauben. (Foto: Eddy Risch)

Camilles Tod öffnete kreative Schleusen

Im Oktober 2020 hast du die manufakturcamille.com ins Leben gerufen und arbeitest sehr kreativ. Haben Camilles Tod und die Verarbeitung ihres kurzen Besuchs bei dir kreative Schleusen geöffnet?
Und wie. Ich begann, das Leben und den Tod anders zu betrachten. Ich gelangte zum Schluss, so mache ich nicht mehr weiter. Ich will etwas machen für andere, etwas, das dienlich sein kann. Etwas Schönes, etwas Sinnstiftendes.

Wie bereits erwähnt, kann Rebekka Ruzio radikal sein. «Ich kündete alle Jobs und suchte nach einem Quereinstieg im sozialen Bereich. 42 Jahre alt war ich, als ich in einem Atelier im Wohnheim Züriberg bei kognitiv beeinträchtigten Menschen eine Praktikumsstelle erhielt. Gleichzeitig begann ich ein Studium als Gestaltungspädagogin. Gjoko stimmte zu. Er sagte, wir machen das. Er sah, wie unglücklich ich war mit der vorherigen beruflichen Situation.»

Wie kannst du dich abgrenzen? 
Das musste ich lernen. Hilfreich war, ich bin mir bewusst, dass beeinträchtigte Menschen und ihr Verhalten oder ihre Aussagen zu mir als Betreuerin gerichtet sind und nicht gegen mich persönlich. Die innere Haltung ist entscheidend, vertrauen und gelassen bleiben. Geduld habe ich viel. Was ich feststelle, die Menschen merken, ob ich sie wirklich wahrnehme, auch in der Seele. 

Was wünscht du Eltern, die ihr Kind verlieren? 
Ich wünsche ihnen viele Menschen, die zuhören, wenn sie zum hundertsten Mal dasselbe hören. Ich wünsche ihnen, dass ihre nächste Umgebung das Kind miteinbezieht und es nicht einfach vergessen geht, weil es nicht mehr da ist. Ich agierte, sagte, mir würde das darüber reden guttun. Es kann reichen, jemandem die Hand auf den Arm zu legen. 

Wie können wir Eltern beistehen, die Ähnliches erleben?
Wir sollten mutig sein und auf Trauernde zugehen. Es braucht nicht viele Worte. Eine Umarmung kann guttun. Ich sage, zeigt Empathie. Nehmt euch Zeit, seid geduldig und habt ein offenes Ohr. Immer und immer wieder. 

Wir schweigen. Rebekka liest mir die Geburtsanzeige von Camille Valerie vor: 

Kleines Seelchen in der Nacht
hast uns soviel Glück gebracht
musstest gehen
bist nun fort
weit an einem schönen Ort
Regenbogen, Wasserfall
grüne Wiesen überall
hier willst du ganz sicher bleiben. 
kleines Seelchen warte dort
wart auf uns an diesem Ort
eines Tages, du wirst sehen
werden wir uns wiedersehen

Text: Martin Schuppli, Fotos: Eddy Risch

Rebekka Ruzio-Lebdowicz

www.manufakturcamille.com

Eltern, Väter und Mütter die ein Kind verloren haben, finden hier Fachpersonen:

Verein Himmelskind

Jasmina Soraya Foundation

Kindsverlust.ch ist Partner von DeinAdieu. Das Profil

DeinAdieu widmete sich mehrfach dem Thema Kindsverlust. Zur Blog-Sammlung

2 Antworten auf „Rebekka Ruzio: «Unsere Camille berührte nur kurz die Welt»“

Anton sagt:

Ich bin sehr berührt von diesem Bericht, meine Worte bleiben stecken. Danke …

Staubli-Eichholzer Rita Anna sagt:

Ich bin dankbar für diese «Rebekka Ruizio» und ihre Geschichte «Unsere Camille berührte nur kurz die Welt“. In den 90-ziger Jahren stritt ich mich in der Klinik Sonnenblick mit dem Direktor – genau um Thema, die verlorenen Kinder, deren Mütter, Väter, Familien. Ihm, wohl Familienvater, ging jedes Gefühl in obiger Hinsicht ab. Ich assistierte am Neujahr, da der Direktor nicht im Haus war, dem Seelsorger zur Taufe.
Jahre später, als Mentorin für Lehrstellensuchende berichtete mir mein Meentie, sie hätte Kopfweh und Bauchweh. Ich schickte sie zum Arzt und traf sie wieder im KSA: Notgeburt. Mutter gerettet, ein wunderschönes Bübchen mit Kraushaar. Die junge Frau hatte nicht gewusst, dass sie schwanger ist. Ich bat die Mutter, bei der Hebamme das Kind zu verlangen. Dann wiegte ich das stillgewordene Menschlein einen ganzen Nachmittag, sang Kinderliedchen, erzählte ihm kleine Kindergedichte. Es besänftigte diese junge Frau mit dem Schicksal.
So, wenn ich diese Worte, dieses Schicksal lese, bin ich dankbar, dass ich das mir Mögliche beigetragen habe. Es zeigt mir die Wichigkeit, dafür einzustehen. Danke

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