Ruandische Flüchtlinge schildern Karin Mathys ihre Leidensgeschichte. Die Mitarbeiterin der Schweizerischen Flüchtlingshilfe SFH wusste schon mit 16 Jahren, dass sie sich für Menschen in Not engagieren möchte. (Foto: Daniela Friedli)
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«Sind Flüchtlinge bei uns in Sicherheit, beginnt eine zweite beschwerliche Reise»

Karin Mathys, 29, Mitarbeiterin der Schweizerischen Flüchtlingshilfe, erzählt DeinAdieu, wie sie bedrohten und verzweifelten Menschen helfen kann und wie sie als junge Frau die Bombardierung Beiruts erlebte.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
11. August 2018

Karin Mathys studierte an der Universität Lausanne Politikwissenschaften. Sie arbeitet derzeit als Redaktorin bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe.  Sie betreut französischsprachige Texte für Broschüren, Newsletter und Magazine. «Warum gerade bei der Flüchtlingshilfe?», will ich von ihr wissen.

«Seit meinem 16. Lebensjahr wollte ich in einer Organisation arbeiten, die sich für Menschenrechte und für internationale Zusammenarbeit einsetzt. Nach meinem Studium absolvierte ich mehrere Praktika in Nichtregierungsorganisationen.

Die weitgereiste Frau setzt sich mit grossem Engagement für Flüchtlinge ein. Im Libanon, der Heimat ihrer Mutter, wurde sie mehrfach mit dem Schrecken des Kriegs konfrontiert und kennt die Situation, wie es für die Zivilbevölkerung ist, in einem Kriegsgebiet zu leben.

Flüchtlinge sollen in Würde leben können

Karin Mathys: «Derzeit ist jeder Vierte im Libanon ein Flüchtling. Die Lebensbedingungen für palästinensische und syrische Flüchtlinge sind sehr prekär. Die meisten von ihnen fanden Unterschlupf in provisorischen Lagern und müssen unterhalb der Armutsgrenzen existieren. Wollen sie in Würde leben mit einer beruflichen Perspektive, müssen in einem sicheren Land Asyl beantragen. Das ist schier unmöglich.» Aus diesem Grund fordern die Schweizerische Flüchtlingshilfe und das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz (HEKS) den Bundesrat auf, die Flüchtlingsquote in der Schweiz durch das Neuansiedlungsprogramm zu erhöhen.

Karin Mathys weilte 2006 im Libanon, als der Süden von Beirut bombardiert wurde. Eindrücklich schildert sie, was in ihr vorging und wie sich diese Bedrohung auswirkte auf die Menschen in ihrem Umfeld.

«Am Mittwoch, 12. Juli 2006, es war ein heisser Tag, startete Israel eine Offensive im Süden des Libanon. Die Armee wollte Soldaten befreien, die das Gebiet betreten hatten und von der Hisbollah entführt worden waren. Israelische Kampfflugzeuge bombardierten Strassen, Brücken und sogar den internationalen Flughafen von Beirut. Meiner Meinung nach war das eine völlig unverhältnismässige Antwort auf die Tat der Hisbollah. Die Verluste auf libanesischer Seite waren gross. Über 1200 Menschen verloren ihr Leben, die meisten von ihnen Zivilisten. Die Israelis meldeten gegen 160 Todesfälle. Es waren hauptsächlich Militärpersonen. Knapp eine Million Menschen wurden damals aus Häusern, Dörfern und Städten vertrieben. Ein Viertel davon, etwa 220 000, verliessen darauf das Land.»

Karin Mathys war «am Rand dabei: Ich weilte in den Bergen des Libanon und war in Sicherheit, weit entfernt von den Bombardierungen, die den südlichen Teil des Landes verwüsteten. Ich hörte den Nachhall der Bombenanschläge. Es gab oft Stromausfälle. Die sind zwar im Libanon üblich, aber es gab viel mehr während des Krieges. Wir vermieden es, zu weit von zu Hause wegzugehen und warteten, dass die Situation sich beruhigt. Ich hatte nicht wirklich Angst. Ich war ja in Sicherheit und noch sehr jung, erkannte die Gefahr also nicht. Wovor ich mich fürchtete, war, im Libanon ‹stecken zu bleiben›. Die Strasse nach Damaskus sowie der internationale Flughafen waren geschlossen. Wäre ich nicht mit dem Boot nach Larnaka auf Zypern gefahren, hätte ich noch eine Weile bleiben müssen. Als ich erfuhr, dass die Schweizer Botschaft Evakuierungsaktionen für Ausländer organisierte, bat ich meine Mutter, repatriiert zu werden. Etwa zwei Wochen nach Kriegsbeginn reiste ich ab. Beendet wurden die Auseinandersetzungen erst nach 33 Tagen.» Heute rät das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA Libanonreisenden: «Der persönlichen Sicherheit ist grosse Aufmerksamkeit zu schenken. Von Reisen in einzelne Landesteile wird abgeraten».

Karin Mathys konnte damals von dort in die Schweiz fliegen. Sie sagt, sie sei glücklich gewesen, einen Schweizer Pass zu besitzen. Ihre Mutter und ihre Grossmutter blieben im Land. «Sie waren beide überzeugt, die friedliche Stimmung würde bald wiederkehren.» Und Karin Mathys legt Wert darauf, dass diese, ihre Erfahrung nicht verglichen werden kann, mit den Erfahrungen, die jemand macht, der flüchten muss.

Gut erinnert sich die junge Frau an das Weinen der Kinder, an die Verzweiflung derer, die alles verloren hatten. «Zum Glück war ein Team der DEZA, der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, auf der Fähre und im Hafen von Larnaka. Die Leute halfen, wo sie konnten und betreuten alle, die Hilfe brauchten.»

«Angst macht mir der Verlust lieber Menschen»

Ich frage Karin Mathys, ob sie Angst habe vor dem Tod, vor dem Sterben? Und was denkt sie, kommt nachher?

«Im Alter von sechs, sieben Jahren, daran erinnere ich mich gut, beunruhigte mich der Tod. Ich fragte meine Mutter oft, was danach komme. Und ich war wirklich traurig, mir vorzustellen, dass ich Verstorbene nicht mehr sehen würde. Etwa Mitglieder meiner Familie.» Sie schweigt, denkt nach und sagt dann: «Angst macht mir vor allem der Verlust von geliebten Menschen und die Umstände, unter denen man sterben kann. Dann sage ich mir jeweils, wir können das Sterben sowieso nicht verhindern.»

Und danach, will ich wissen: Was kommt nach dem Tod. «Sie meinen, ob ich an ein Leben nach dem Tod glaube?», stellt Karin Mathys die Gegenfrage. «Ich glaube nicht daran. Ein Leben im Paradies oder eine Reinkarnation sind meist Antworten, um dem Unerklärlichen einen Sinn zu geben.»

Als wir uns in Bern zum Gespräch treffen, zwölf Jahre nach diesen kriegerischen Ereignissen, betreut Karin Mathys ein ruandisches Ehepaar. In leisen, eindringlichen Worten, mit Gesten, Schriftstücken und Handybildern schildern sie der Mitarbeiterin der Schweizerischen Flüchtlingshilfe ihr trauriges Schicksal. Sie und ihr Mann erlebten im Heimatland viel Not und Elend. Die hochschwangere Frau verlor zwei Kinder.

Die meisten Flüchtlinge kamen dem Tod sehr nahe

Was machen solche Gespräche mit einem? Was erzählten ihr die geflüchteten Ruander? Karin Mathys schweigt kurz, blickt ins Leere und sagt: «Ob es dieses ruandische Ehepaar ist, ob es eine Frau ist, die missbraucht wurde oder ob es andere sind, die wegen Kriegen und Verfolgungen fliehen mussten, es ist immer schwierig für sie, ihre Geschichte und ihr Leiden zu erzählen. Einige Flüchtlinge berichteten mir, dass sie Mitreisende bei der Durchquerung der Wüste in Libyen oder im Mittelmeer verloren haben. Andere sagten, ihre Familie sei tot, von den Taliban in Afghanistan getötet. Wieder andere verloren die Spuren ihrer Verwandten vollständig, sie blieben in Flüchtlingslagern in Pakistan oder in der Türkei. All diese Menschen sind dem Tod nahegekommen, sehr nahe.»

Flüchtlinge, verschränkte Arme von Karin Mathys

Karin Mathys erklärt uns das Projekt «Gastfamilien» der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. «Flüchtlinge sollen durch die Aufnahme bei ansässigen Gastgeber-Familien zu einem selbstständigen Leben in der Schweiz finden.» (Foto: Daniela Friedli)

Karin Mathys weiter: «Solche Geschichten erinnern mich daran, wie glücklich wir sind, in einem Land zu leben, in dem es Frieden und Sicherheit gibt. Ebenso bin ich beeindruckt von dem Mut dieser Menschen und von ihrer Beharrlichkeit, sich etwas Neues aufzubauen.» Sie betont, dass die Schwierigkeiten dieser Menschen nicht aufhören, wenn sie einmal in der Schweiz sind. «Wir müssen anerkennen, dass die Schwierigkeiten, die es zu überwinden gilt, nicht in der Schweiz aufhören. Eine zweite, beschwerliche Reise beginnt, wenn die Flüchtlinge eine neue Sprache lernen, einen Job suchen müssen.»

Gastfamilien vermitteln menschliche Nähe

Die Schweizerische Flüchtlingshilfe trägt dazu bei, dass Asylsuchende fair behandelt werden und Flüchtlinge eine echte Chance erhalten, am wirtschaftlichen, am sozialen und am kulturellen Leben unseres Landes teilzunehmen. Zum Beispiel sucht die SFH mit dem Projekt «Gastfamilien» interessierte Hauseigentümer, Mieter oder Pächter mit Wohnsitz in den Kantonen Aargau, Bern, Genf und Waadt. Sie melden der SFH online ihr Angebot an freiem Wohnraum und ihren Wunsch, als Gastfamilie zu fungieren. Flüchtlinge sollen durch die Aufnahme bei ansässigen Gastgeber-Familien zu einem selbstständigen Leben in der Schweiz finden. Karin Mathys: «Geflüchtete Menschen, die sich willkommen fühlen, menschliche Nähe und Wertschätzung erfahren sowie Orientierungshilfe und Unterstützung bekommen, werden sich letztlich schneller und tiefgreifender an die neuen Lebensumstände anpassen können und rascher eine neue Existenz aufbauen können.»

Text: Martin Schuppli, Fotos: Daniela Friedli

Die Schweizerische Flüchtlingshilfe informiert die Öffentlichkeit über die Rechte und Anliegen von Flüchtlingen. Diese Arbeit trägt zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Flüchtlingen bei – unter anderem durch Lobbying-Aktivitäten. Zudem schult die SFH Juristen, Mitarbeitende aus den Bereichen Sicherheit, öffentliche Verwaltung, Gesundheit und Jugend.

Generalsekretariat
Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH
Weyermannsstrasse 10, 3001 Bern

Tel. +41 31 370 75 75 | info@fluechtlingshilfe.ch

Postkonto 30-1085-7

Hier gibt es mehr Infos über SFH www.fluechtlingshilfe.ch/

www.fluechtlingshilfe.ch/spenden | www.fluechtlingshilfe.ch/spenden/legate

 

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