Glücklich mit ihrem Wonneproppen. Ivana D’Addario mit Töchterchen Joanina. «Dieses Kind, diese Tochter, erwarteten Ivo und ich sehnlichst. Nicht wissend, unter welch schwierigen Bedingungen sie zur Welt kommen würde.» Foto: Paolo Foschini
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«Früher hätten wir diese schwere Geburt nicht überlebt»

Muttersein, Elternwerden ist wohl einer der ergreifendsten Momente im Leben einer Frau, eines Paares. Ivana D’Addario, schildert DeinAdieu, wie sie die schwere Geburt ihrer Tochter erlebte.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
23. August 2019

Lachend, ja glücklich strahlend, öffnet Ivana D’Addario, die Türe des schmucken Einfamilienhäuschens im Säuliamt. Auf dem Arm trägt sie die acht Monate alte Tochter Joanina. Süss, wie sie auf Mutters Arm sitzt, scheu lacht, den Kopf abwendet und doch immer wieder genau hinguckt, auf den imposanten Schnauz zeigt von Fotograf Paolo Foschini. Ein Wonneproppen.

«Logisch war Joanina ein Wunschkind», sagt Ivana und lacht mich an. «Du glaubst doch nicht, ich wäre mit 38 Jahren unverhofft schwanger geworden. Gahts no.» 

Ein Kind war lange kein Thema. Ich lernte Ivana kennen, da arbeitete sie als Marketingfachfrau mit Masterabschluss bei einem Versicherungsbroker. Als wir uns trafen, setzte sie sich mit der geschriebenen deutschen Sprache auseinander. Verfasste einen Leitfaden für besseres Schreiben. Ich war beeindruckt von der Broschüre und der Autorin – oder umgekehrt. Zwei, drei Jahre später trafen wir uns wieder. Ivana stand in Uniform unter dem riesigen Schoggiplakat am Zürcher Central und regelte den Verkehr. 

Schwere Geburt, Ivana D'Addario als Verkehrspolizistin
Ivana D’Addario genoss ihre Einsätze als Polizei-Assistentin am Central in Zürich: «Ich gab jeweils alles. Kommunizierte mit den Augen, mit der Stimme und natürlich mit fliessenden Bewegungen der Arme, der Hände.» Foto: Roger Hegglin, Stadtpolizei Zürich

«Als Polizei-Assistentin rockte ich das Central»

Daran erinnert, lacht die Frau mit italienischen und kroatischen Wurzeln. Und wenn sie lacht, lacht sie laut. «Diese Aufgabe liebte ich. Ich gab jeweils alles. Kommunizierte mit den Augen, mit ihrer Stimme und natürlich mit fliessenden Bewegungen der Arme, der Hände. Ja, ich regelte den Verkehr mit ganzem Körpereinsatz.» Das Central würde sie wohl heute noch rocken, wenn da nicht der Kinderwunsch gewesen wäre, der gross und grösser wurde. 

Wunder nimmts mich, warum Ivana eine «späte Mutter» geworden ist. «Einerseits habe ich mir immer gesagt, wenn ich ein Kind will, dann mit dem ‹richtigen› Mann. Und den habe ich mit Ivo gefunden. Andererseits wollte ich all meine inneren Konflikte, Unruhen und Ängste erst bearbeitet wissen. Auf keinen Fall psychisch Unverarbeitetes oder gänzlich Unbekanntes über mein Kind ausleben. 

«Will ich denn ein Kind in diese Welt setzen?»

Abgesehen davon, war ich lange in einem Dilemma. Fragte mich: Will ich denn überhaupt ein Kind in diese Welt setzen. Kam hinzu, dass ich lange nicht wusste, womit ich mich in meinem Leben vertieft auseinandersetzen und beschäftigen wollte, wenn ich denn keine Kinder gehabt hätte. Mir fehlte die Lust, meine Zeit in einem Büro für eine Firma zu verbringen und irgendeine Art von Karriere zu machen, die es für mich in der Schweiz so nicht wirklich gibt. Das wollte ich definitiv nicht. Und irgendwann konnte ich es mir eingestehen. Tief in meinem Herzen wünsche ich mir sehr wohl ein Kind mit Ivo, hatte einfach grosse Angst vor diesem Schritt. Das war alles. Mit diesem Eingeständnis und vielen tollen Gesprächen mit meinem Lebenspartner und Vater meiner Tochter, war meine Angst schon bald verflogen. Schliesslich war es ganz einfach, Ja zu sagen.»

Und es war wohl ebenso einfach schwanger zu werden, sage ich. Wir lachen beide. Ivana nickt. «Kaum hatten wir uns entschieden, war ich ‹guter Hoffnung›, wie es früher so schön gesagt wurde. Dieses Kind, diese Tochter erwarteten wir sehnlichst. Nicht wissend, unter welch schwierigen Bedingungen sie zur Welt kommen würde.» 

«Schwanger werden, war einfach», sagt Ivana D’Addario und lacht. «Kaum hatten wir uns für ein Kind entschieden, war ich ‹guter Hoffnung›.» Foto: Paolo Foschini

Geburt musste eingeleitet werden

Joanina kam am Donnerstag, 29. November 2018 zur Welt im Spital Affoltern am Albis. Ivana D’Addario schildert mit eigenen Worten, wie ihre Geburt ablief:

Leider musste ich den Geburtsvorgang am Mittwoch einleiten lassen und das wollte erst nicht so wirklich gelingen. 18 Stunden wartete ich, bis die Wehen einsetzten. Und kurz bevor mich die erste Schmerzwelle überrollte, beschlich mich plötzlich ein schlechtes Gefühl. Mir war, als hätte ich mit der Einleitung einen Fehler begangen, als hätte ich nicht Ja sagen sollen. 

Anfangs dünkten mich die Wehen ganz normal, aber die Situation kippte irgendwann. In weniger als einer Minute Abstand folgten jeweils drei Wehen hintereinander, eine stärker als die andere, und mein Muttermund wollte sich einfach nicht öffnen. Die Wehen waren holprig und auf dem Gipfel schob sich die eine oft in die andere. Die Hebamme sagte, das seien Kamelhöcker-Wehen, beziehungsweise gedoppelte Kontraktionen.

Ich hatte keine Chance mich zu erholen und richtig zu atmen, geschweige denn durchzuatmen. Oft folgte auf eine Serie Wehen bereits die nächste, während die letzte Serie noch nicht abgeklungen war. Nach mehreren Stunden in diesem Kampf verlor ich alle Kraft. Die Schmerzen schienen unerträglich.

Etwas stimmt nicht, sagte mir meine Intuition. Vom Team im Gebärsaal wollte niemand dazu Stellung nehmen. Irgendwann flehte ich um eine Peridural-Anästhesie. Das ging dann ebenfalls nicht RatzFatz. Tränen liefen mir übers Gesicht. Ich wähnte mich am Ende meiner Kraft. Ich, die ich sonst nur so von Kraft und Zuversicht strotze.

Schluchzend bat ich Arzt und Hebamme um mehr Informationen. Jemand meinte, es könne sich noch lange hinziehen. Ich war verzweifelt und wusste nicht, wie ich das aushalten könne. Nach etwa neun Stunden erhielt ich endlich die PDA. Allerdings klappte es erst nach mehreren Anläufen, bis die Injektion sass. 

Einmal fiel ich sogar kurz in Ohnmacht. Und dies alles während unendlich vielen Serien übermächtiger Wehen. Dank der Anästhesie konnte ich endlich ein wenig zur Besinnung kommen, obwohl ich die Wehen weiterhin stark spürte. 

Auf einem Monitor konnten wir Joaninas Herzschlag verfolgen. Sie reagierte nicht gut auf die Wehen. Ihr Herzschlag sackte immer wieder stark ab. Ein schlechtes Zeichen. Das sah ich in den Augen der Hebamme. Und zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich diese urgewaltige Angst um das Ungeborene. 

Dann, von einer Sekunde auf die andere, hörte das Herz auf, zu schlagen. Ich spürte es einen Sekundenbruchteil vor dem Computer. Alle schreckten wir hoch und noch ehe ich mich versah, hechtete die Hebamme auf mich zu, packte meinen Bauch mit beiden Händen und schüttelte ihn kräftig durch. Ufff. Dann hörten wir das Herz unserer Kleinen wieder.

Ich verlangte nach einem Arzt. Als dieser mich untersuchte, stellte er fest, dass Joanina ihren Kopf im Becken rotierte, sie versuchte sich mit aller Kraft, einen Weg zu bahnen. Es klappte nicht. Der Muttermund wollte sich einfach nicht weiter öffnen. Ja, er verschloss sich sogar wieder um einen Zentimeter. 

Ich solle einen Kaiserschnitt zulassen, sagten Arzt und Hebamme. Wir stimmten zu. Ivo war ebenfalls beunruhigt. Wir bangten um unser Kind. Wollten es so schnell wie möglich in die Arme schliessen. 

Im OP ging etwas mit der Anästhesie schief. In einem der Vorgespräche erwähnte ich, bestimmte Anästhesie-Wirkstoffe würden bei mir nichts nutzen. Aber das interessierte die Spezialistin herzlich wenig. Es kam wie befürchtet: Ich hatte das Gefühl, als würde man mir Joanina mit sämtlichen Innereien aus dem Leib reissen. Ich wurde sediert, just in dem Moment, als mir die Hebamme meine Tochter auf die Brust legen wollte. So nahm mein Partner sie entgegen und ich konnte mein Kind erst eine Stunde später in die Arme schliessen und begrüssen.

Schwere Geburt, Ivana D'Addario
Ivana D’Addario: «Tief in meinem Herzen wünsche ich mir sehr wohl ein Kind mit Ivo, hatte einfach grosse Angst vor diesem Schritt.» Foto: Paolo Foschini

Schwere Geburt: Schocknachricht von Arzt und Hebamme

Das Leben des Kindes, das Leben der Mutter hing an einem dünnen Faden. Ich frage Ivana, wann ihr das bewusst geworden sei?

Während der Wehen hatte ich das Gefühl, etwas stimme nicht. Der besorgniserregende Gesichtsausdruck der Hebamme bestätigte mir, wie richtig mein Gefühl war. Stunden nach Joaninas Geburt sagten uns Arzt und Hebamme, vor 50 Jahren hätten weder Kind noch Mutter diese Geburt überlebt. Glücklicherweise konnte ich diese Aussage irgendwann beiseiteschieben.

Schwere Geburt: «Unser Kind wächst unbekümmert auf»

Denkst du, denkt dein Mann, denkt ihr nun anders, beim Thema «das Kind behüten»? «Eigentlich nicht», sagt Ivana. «Wir haben unser Erlebnis gemeinsam aufbereitet und verarbeitet. Am nächsten Morgen führten wir im Spital ein Re-Bonding durch. Intensivierten so die Bindung zu unserem Kind. Zudem sprachen wir mit vielen Fachleuten. Später waren wir mit Joanina bei einer sehr empathischen Osteopathin. Wir leben das Erlebte nicht über unsere Kleine aus. Sie wächst unbekümmert auf.»

Logisch plagen die glücklichen Eltern derzeit keine Gedanken zum Thema Sterben. Nicht jetzt, wo sich das pralle Leben täglich manifestiert. Trotzdem möchte ich wissen, was es mit Ivana D’Addario macht, wenn sie über die Endlichkeit des Lebens nachdenkt. Ich frage: Was ist deine Beziehung zum Tod? Wurdest du bereits einmal damit konfrontiert? Die glückliche Mutter schüttelt den Kopf. «Ehrlich gesagt, ich hatte bisher noch keinen bedeutenden Todesfall in meiner nahen Familie oder im engsten Freundeskreis.» Angst vor dem Tod hätte sie keine. Aber vor dem Sterben, vor Schmerzen. 

Schwere Geburt, Ivana D'Addario
Ivana D’Addario im Wohnzimmer des kleinen Häuschens im Säuliamt. Die vielen Objekte und Sächelchen sind eine wahre Augenweide. Foto: Paolo Foschini

Seelentreffen nach dem Sterben

Ich frage: Was machts mit dir, wenn ich dir sagen könnte, du würdest heute Nacht still und friedlich einschlafen. Sterben? Ivana rollt ihre Mandelaugen, streicht sich durchs Haar. Sagt: «Puh … das wäre brutal – und viel zu früh. Ich möchte bei Joanina und Ivo sein.» Verständlich. Spinnen wir den Gedanken weiter. Ich frage: Was geschieht nach dem Sterben? Gehts in den Himmel? Ivana schüttelt den Kopf: «Das weiss ich doch nicht. Wir treffen uns vielleicht dort, wo die sind, die mich erwarten.» Sie legt eine Pause ein. Lächelt. Joanina brabbelt vor sich hin. «Ein bisschen stelle ich es mir so vor», sagt sie. «Irgendwo treffen die Seelen wieder aufeinander. Dann erwarten mich Verwandte und Bekannte an einem grossen Himmelstor. Heissen mich willkommen. Das wird irgendwo sein – in einer anderen Sphäre.» Ivana blickt mich an. «Diese Vorstellung entspannt mich.»

Die Vorstellung unsere Seele mache eine Wanderung, inkarniere, findet Ivana «beruhigend und schön». «Mit diesem Thema setze ich mich intensiv auseinander. Zum einen weil mich die buddhistische Philosophie interessiert, zum anderen aus astrologischer Sicht.»

Schwere Geburt, Ivana D'Addario
Sich ausschliesslich mit dem Kind befassen mag Ivana D’Addario nicht. «Ich koche leidenschaftlich gerne ein, biete selbstgemachtes Apfelmus feil, habe selbstgemachte Konfitüren im Sortiment und Rosenblütenzucker.» Foto: Paolo Foschini

Organspende? Ivana machts wie der Dalai Lama

Und wie der Dalai Lama würdest du deine Organe spenden? «Ich denke, ja.» Wir schweigen, der Wind lässt die Blätter der Apfelbäume rascheln. Ivana, sage ich, mich drückt noch eine letzte Frage. Haben wir eine Pflicht zu leben? Präziser gesagt: Ich meine, alle die sterben möchten, sollen das anständig machen dürfen. Unter einer Bedingung: Wer sterben möchte, setzt sich mit seinem «Sterbewunsch» auseinander. Und zwar bei einer Fachperson, einem Arzt, einer Ärztin. Das betrifft die Verzweifelten, die Kranke und die Alten. 

Ivana nickt, sagt: «Mir persönlich ist die Würde eines Menschen besonders wichtig. Findet jemand sein Dasein nicht mehr lebenswert, soll er, soll sie, entscheiden können, das Leben auf respektvolle Weise zu beenden. Ganz egal, was irgendeine Religion dazu meint.» Sie hält inne. Sagt dann: «Bestimmte religiöse Anschauungen blockieren das freie Denken und treten, meines Erachtens, die Würde eines Menschen mit Füssen. Von daher nein. Meiner Meinung nach hat niemand eine Pflicht, auf dieser Erde zu verweilen, wenn es ihm nicht mehr guttut, hier zu sein.»

Text: Martin Schuppli/Ivana D’Addario, Foto: Paolo Foschini

Schwere Geburt, Ivana D'Addario, DeinAdieu-Autor Martin Schuppli
Wenn zwei Konfi-Liebhaber an einem Tisch sitzen, wird das Probieren zum grossen Spass. Ivana D’Addario füttert DeinAdieu-Autor Martin Schuppli mit selbstgemachter Chriesi-Konfi. Foto: Paolo Foschini

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