Por­trät

Zwei Frau­en und ihre Gedan­ken zum Ster­ben

Die 87-jäh­ri­ge Anna-Maria Huber-Caro­si und die 85-jäh­ri­ge Elvi­ra Voser-Cat­taneo sind Freun­din­nen seit ihrer Kind­heit. Sie tei­len die Lei­den­schaft für Lie­bes­ro­ma­ne und Anti­qui­tä­ten und haben das glei­che Schick­sal: Bei­den ist der Ehe­mann in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren gestor­ben, und ihr Freun­des­kreis ist klei­ner gewor­den. Der Tod des eige­nen Ehe­man­nes und das Ster­ben vie­ler gelieb­ter Men­schen hat sie dazu bewo­gen, sich mit ihrem eige­nen Tod aus­ein­an­der­zu­set­zen. Wäh­rend Anna-Maria ihr Lebens­en­de mit EXIT plant, sieht Elvi­ra ihrem Tod gelas­sen ent­ge­gen. Sie hat kürz­lich noch­mals gehei­ra­tet.

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Anna-Maria Huber-Caro­si

Ich bete nicht – ich war schon immer ein lau­er Katho­lik“

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Elvi­ra Voser-Cat­taneo

In Prin­zip habe ich mein Leben bereits gelebt. Alles, was jetzt noch kommt, ist ein Geschenk.“

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Audio-Bei­trag: Die letz­te Rei­se

 

An den eige­nen Tod zu den­ken, obwohl man sich vital und gesund fühlt – das ist für vie­le Men­schen ein Tabu. Dabei wäre es wich­tig, sich früh­zei­tig Gedan­ken dar­über zu machen. Wer sich mit dem Ster­ben aus­ein­an­der­setzt, kann sei­ne letz­te Rei­se nach eige­nen Wün­schen pla­nen. DeinAdieu-Redak­to­rin Sarah Huber hat zwei älte­re Damen getrof­fen, die eine genaue Vor­stel­lung davon haben, wie sie eines Tages von die­ser Welt gehen möch­ten.

 

Anna-Maria Huber-Caro­si ist regel­mäs­sig bei ihrer Freun­din zu Besuch. Meist gesellt sich auch Elvi­ras Ehe­mann dazu.

Foto: Sarah Huber

Die Lebe­frau

Elvi­ra Voser-Cat­taneo geniesst jeden Moment ihres Lebens und sieht ihrem Tod gelas­sen ent­ge­gen.

Foto: Sarah Huber

Elvi­ra Voser-Cat­taneo kennt das Rezept, um glück­lich alt zu wer­den: Die 85-Jäh­ri­ge scheut sich auch im hohen Alter nicht, ihre eige­nen Wün­sche zu ver­wirk­li­chen. So hat sie vor sechs Mona­ten noch­mals gehei­ra­tet.

An einem son­nen­be­schie­ne­nen Hügel im aar­gaui­schen Hau­sen steht ein Haus mit hell­blau­en Fens­ter­lä­den und Engels­skulp­tu­ren vor dem Ein­gang. Die Haus­tü­re und Fens­ter sind rund. Das Gara­gen­tor und die Later­nen sind mit hell­blau­en Schlei­fen deko­riert. Die gold­far­be­ne Tür­fal­le ist etwas abge­grif­fen. Elvi­ra Voser-Cat­taneo strahlt, als sie mir an einem Nach­mit­tag im Novem­ber die Tür öff­net. Sie ist von Kopf bis Fuss in weiss geklei­det, trägt einen gol­de­nen Gür­tel und kei­nen Schmuck — auch kei­nen Ehe­ring. Das Wohn­zim­mer ist in blau-weiss gehal­ten und erin­nert an den Salon eines Anti­qui­tä­ten­händ­lers: In jeder Nische steht eine alte Kom­mo­de, eine Vitri­ne mit Scha­tul­len und Por­zel­lan­fi­gu­ren oder ein anti­ker Spie­gel. In einem mit Zier­nä­geln ver­zier­ten blau­en Ses­sel sitzt ein Mann mit schloh­weis­sem Haar. Es duf­tet nach frisch­ge­ba­cke­nem Apfel­stru­del.

 

Ver­bun­den bis in den Tod
Seit kur­zem backt und kocht sie wie­der für zwei Per­so­nen. So hat sie vor rund sechs Mona­ten ihren bes­ten Freund, den 86-jäh­ri­gen Fritz Ernst, gehei­ra­tet. Die bei­den ver­bin­det eine lang­jäh­ri­ge Freund­schaft. Ihr 2009 ver­stor­be­ner ers­ter Ehe­mann, Fritz und sie sei­en frü­her ein Trio gewe­sen. „Wir waren dicke Freun­de. Wir hal­fen uns gegen­sei­tig in jeder Bezie­hung“, sagt die ehe­ma­li­ge Inha­be­rin eines Bade­ner Anti­qui­tä­ten­ge­schäfts. Wenn im Geschäft Not am Mann war, habe Fritz immer aus­ge­hol­fen. Über all die Jah­re hin­weg spen­de­ten sie sich in schwie­ri­gen Zei­ten gegen­sei­tig Trost. So auch, als ihr ers­ter Ehe­mann nach 58 Ehe­jah­ren ver­starb. „Ich bin damals zusam­men­ge­bro­chen. Fritz hat mich wie­der auf­ge­baut, mich dazu moti­viert, wie­der Auto zu fah­ren“, so Elvi­ra. Die­se zwei­te Hei­rat habe sie und Fritz noch mehr zusam­men­ge­schweisst. Sie hät­ten sich für die Ehe ent­schie­den, um bis im letz­ten Moment bei­ein­an­der und für­ein­an­der da zu sein. „Gell Schatz, uns kann nie­mand tren­nen“, sagt Elvi­ra.

 

Alles, was jetzt noch kommt, ist ein Geschenk“
Die 85-Jäh­ri­ge wirkt für ihr Alter sehr vital. Sie geht und sitzt auf­recht, ihre Bewe­gun­gen sind flies­send, und ihre Stim­me und ihr Hän­de­druck sind fest. Obschon Elvi­ra bei guter Gesund­heit ist, denkt sie viel über den Tod nach, beson­ders seit ihr ers­ter Ehe­mann ver­stor­ben ist. Angst vor dem Tod hat sie aber nicht: „Seit ich alt bin, habe ich kei­ne Angst mehr vor dem Ster­ben. Mit dreis­sig Jah­ren macht einem das Angst, aber wenn um einen her­um schon so vie­le Freun­de und sogar der eige­ne Mann gestor­ben sind, dann freun­det man sich mit dem Ster­ben an.“ So hat Elvi­ra durch den Tod naher Ver­wand­ter gelernt, das Schick­sal anzu­neh­men. Ihre bei­den Brü­der sind an Aneu­rys­men gestor­ben. „Sie sind inner­lich ver­blu­tet, weil ihre Schlag­ader geplatzt ist. C’est la vie“, sagt sie nüch­tern. Sie sei nicht emo­ti­ons­los, son­dern gelas­sen gewor­den: „In Prin­zip habe ich mein Leben bereits gelebt. Alles, was jetzt noch kommt, ist ein Geschenk.“ Könn­te Elvi­ra sich einen Tod aus­su­chen, wür­de sie sich wün­schen, im Bett neben Fritz ein­zu­schla­fen und nie wie­der auf­zu­wa­chen: „Ich wür­de eines Abends den Schmuck able­gen, mein Nacht­hemd anzie­hen und ins Bett lie­gen. Und dann ein schö­ner Herz­schlag und Aus.“

Ihr Herz war schon immer ihr Takt­ge­ber. Sie hat geliebt und gelebt und sich dabei auf die Din­ge kon­zen­triert, die ihr wich­tig waren. Wenn sie ihr Leben Revue pas­sie­ren lässt, ist sie zufrie­den damit, wie es ver­lau­fen ist: „Ich bereue nichts, und ich ver­mis­se nichts. Natür­lich habe ich nicht jeden Win­kel der Welt gese­hen, aber wozu auch?“. Elvi­ra hat sich auf ihr Anti­qui­tä­ten­ge­schäft kon­zen­triert und die­ses bis zur Pen­si­on geführt. In ihren Augen ist Arbei­ten das Schöns­te, was es gibt. Dane­ben muss es aber immer auch Platz für Freun­de haben.

 

Freun­de fürs Leben
Das Pfle­gen von Kon­tak­ten fin­det Elvi­ra etwas vom Wich­tigs­ten. Sich für sei­ne Freun­de Zeit neh­men und sich für sie inter­es­sie­ren. Sie bedau­ert viel beschäf­tig­te Men­schen, die von Ter­min zu Ter­min has­ten: „Wenn das Fuder über­la­den ist, fin­det man kei­ne Zeit mehr zum Leben. Dann funk­tio­niert man nur noch.“ Ein wesent­li­cher Punkt, um lang­jäh­ri­ge Freund­schaf­ten auf­zu­bau­en, sei, sei­ne Freun­de zu sich nach­hau­se ein­zu­la­den, etwas von sich preis­zu­ge­ben. „Wie jemand wohnt, das geht in die Intim­sphä­re. Dar­in spie­gelt sich die Per­sön­lich­keit eines Men­schen“, sagt die ehe­ma­li­ge Geschäfts­in­ha­be­rin. Elvi­ra erwar­tet auch an die­sem Nach­mit­tag Besuch. Die Küchen­uhr klin­gelt, der Apfel­stru­del ist fer­tig.

Die Ästhe­tin

Für Anna-Maria Huber-Caro­si ist der Tod kein Tabu­the­ma. Sie plant ihr Lebens­en­de mit EXIT.

Foto: Sarah Huber

Anna-Maria Huber-Caro­si ist ein Mensch mit aus­ge­präg­tem Schön­heits­sinn. So legt sie mit 87 Jah­ren immer noch gros­sen Wert auf ihr Äus­se­res. Selbst­ach­tung bedeu­tet für sie auch, eines Tages wür­de­voll zu ster­ben.

Im Coif­feur-Geschäft Salon Leh­mann in Baden ist es an die­sem Diens­tag­mor­gen aus­ser­ge­wöhn­lich ruhig. Nur einer der sechs rosa­far­be­nen Coif­feur-Stüh­le ist besetzt. Auf ihm sitzt eine älte­re Dame mit auf­fäl­lig roten Haa­ren. Die oran­ge-schwar­ze Bril­le hat sie vor sich auf dem Mau­er­sims abge­legt. Ihren Kopf hat sie nach hin­ten geneigt. Hin­ter ihr steht Ire­ne Weber, die Salon-Inha­be­rin. Sanft und mit krei­sen­den Bewe­gun­gen mas­siert sie die Kopf­haut der Dame.

Ire­ne Weber führt das Coif­feur-Geschäft bereits in drit­ter Gene­ra­ti­on. Ihr Gross­va­ter hat­te es 1930 gegrün­det. Für Anna-Maria Huber-Caro­si ist der Coif­feur-Besuch im Salon Leh­mann Tra­di­ti­on. „Frau Huber ist eine mei­ner treus­ten und lang­jäh­rigs­ten Kun­din­nen. Sie kam bereits zum Haa­re schnei­den, als mein Gross­va­ter noch Salon-Besit­zer war“, sagt Ire­ne Weber. Wäh­rend der vie­len Jah­re haben die bei­den eine enge Bezie­hung auf­ge­baut. Anna-Maria erzählt bei ihrem Coif­feur-Besuch alle zehn Tage auch viel Per­sön­li­ches. An die­sem Mor­gen ist die Ster­be­hil­fe­or­ga­ni­sa­ti­on EXIT das The­ma.

 

Selbst­be­stimmt leben bis zum Schluss
Vor acht Jah­ren ist Anna-Maria bei­ge­tre­ten. Damit ist sie einer von über 100’000 Men­schen, die aktu­ell der Ster­be­hil­fe­or­ga­ni­sa­ti­on ange­hö­ren. Ihren Mit­glie­der­aus­weis trägt sie pro­mi­nent im Porte­mon­naie. Der Mit­glie­der­aus­weis ist aber nicht das ein­zi­ge Indiz, wel­ches auf ihre Mit­glied­schaft bei EXIT hin­weist. Sie habe an jenem Mor­gen ihr Dos­sier, wie sie es nennt, auf dem Schreib­tisch bereit­ge­legt. „Mei­ne Pati­en­ten­ver­fü­gung und die wei­te­ren Unter­la­gen lie­gen ab jetzt griff­be­reit. Soll­te ich mor­gen ster­ben, müs­sen mei­ne Ange­hö­ri­gen nicht lan­ge danach suchen“, sagt die Wit­we. Anna-Maria hat sich für den Bei­tritt ent­schie­den, weil sie die Ver­ant­wor­tung über ihr Leben und Ster­ben sel­ber tra­gen möch­te.

 

Wann ist der rich­ti­ge Zeit­punkt, um EXIT anzu­ru­fen?
Aus­lö­ser dafür war ihr Krebs­tu­mor am rech­ten Schien­bein vor etwas mehr als zehn Jah­ren. Dank Ope­ra­ti­on und anschlies­sen­der The­ra­pie ist Anna-Maria heu­te vom Krebs geheilt. Kör­per­lich ist sie aller­dings weni­ger mobil als frü­her. So ist sie nicht mehr in der Lage, län­ger zu ste­hen oder auf­recht zu gehen. Auch das Trep­pen­stei­gen berei­tet ihr sehr viel Mühe, wes­halb sie damals in ihrem Haus einen Trep­pen­lift ein­bau­en liess. „Ich habe wäh­rend der ver­gan­ge­nen zehn Jah­re deut­lich gemerkt, dass ich nicht zum Lei­den gemacht bin“, so die 87-Jäh­ri­ge. Solan­ge sich Anna-Mari­as jet­zi­ger Gesund­heits­zu­stand nicht ver­schlech­tert, denkt sie nicht dar­an, EXIT anzu­ru­fen. Soll­te sie jedoch hin­fal­len und sich die Hüf­te bre­chen, wäre die Aus­gangs­la­ge eine ande­re. Ein künst­li­ches Hüft­ge­lenk kommt für sie nicht in Fra­ge: „Ich will nicht zusam­men­ge­flickt wer­den und in mei­nem Alter noch­mals Lau­fen ler­nen. Dann will ich gehen kön­nen. Einen Schluss­strich zie­hen.“

 

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Anna-Maria Huber-Caro­­si hat­te wegen eines
Krebs­tu­mors vor zehn Jah­ren eine grös­se­re Ope­ra­ti­on
am rech­ten Schien­bein. Seit­her ist sie in ihrer Mobi­li­tät
ein­ge­schränkt. So ist sie nicht mehr in der Lage, län­ge­re
Zeit zu ste­hen oder zu gehen. Des­halb muss sie auf
Spa­zier­gän­gen immer wie­der Pau­sen ein­le­gen.

Foto: Sarah Huber

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Mit ihren 87 Jah­ren ist sie eine der ältes­ten
Anwoh­ne­rin­nen in ihrem Quar­tier. Ihre Nach­bar­schaft
wur­de in den letz­ten Jah­ren stark ver­jüngt – ein Gross­teil
ihrer frü­he­ren Nach­barn und Freun­den ist bereits
ver­stor­ben. Eini­ge ihrer gelieb­ten Men­schen ruhen auf
dem
Fried­hof Lie­ben­fels in Baden.

Foto: Sarah Huber

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Auch ihr Ehe­mann ist dort begra­ben. Jac­ques Huber
ver­starb am 14. Novem­ber 2006. Obwohl der Gang zum
Fried­hof für Anna-Maria Huber-Caro­­si beschwer­lich
gewor­den ist, will sie die Grab­pfle­ge nicht dem
Fried­hofs­gärt­ner über­las­sen. Zum zehn­ten Todes­tag hat
sie ein Blu­men­ge­steck in Herz­form aufs Grab gelegt.

Foto: Sarah Huber

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Anna-Maria Huber-Caro­­si will selbst­be­stimmt leben bis
zum Schluss. Sie ist seit acht Jah­ren Mit­glied bei der
Ster­be­hil­fe­or­ga­ni­sa­ti­on
EXIT. Sie hat sich für den Bei­tritt
ent­schie­den, weil sie die Ver­ant­wor­tung über ihr Leben
und Ster­ben sel­ber tra­gen möch­te. Nach einem
beweg­ten Leben soll ihr Weg eines Tages so enden.

Foto: Sarah Huber

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Hin­sicht­lich der Bestat­tung teilt sie den Wunsch ihres
ver­stor­be­nen Ehe­man­nes. So will auch sie kre­miert
wer­den. Ihre Urne soll aber nicht auf dem
Fried­hof
Lie­ben­fels
bei­ge­setzt wer­den, ihre Asche soll in der
Pro­vence ver­streut wer­den. Dort steht ihr Feri­en­haus,
mit dem sie vie­le schö­ne Erin­ne­run­gen ver­bin­det.

Foto: Sarah Huber

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Ein ande­rer Ort, der ihr sehr ver­traut ist, ist der Salon
Leh­mann
in Baden. Anna-Maria Huber-Caro­­si zählt zu
den lang­jäh­rigs­ten Kun­din­nen. Sie ist ein Mensch mit
aus­ge­präg­tem Schön­heits­sinn und legt daher auch im
hohen Alter gros­sen Wert auf ihr Äus­se­res. Ihre
Hand­ta­sche ist – pas­send zur Haar­far­be – kup­fer­far­ben.

Foto: Sarah Huber

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Ein Blick in ihr Wohn­zim­mer ver­rät die Ästhe­tin – so
pas­sen Tee­tas­se und Ker­ze zum Sofa­be­zug. Ein Foto
auf dem Fens­ter­sims erin­nert an ihren ver­stor­be­nen
Ehe­mann. In die­sem Ambi­en­te lässt sie den Tag und ihr
Leben ger­ne Revue pas­sie­ren und denkt häu­fig auch
über das Ster­ben nach.

Foto: Sarah Huber

Seit ihre Haa­re grau gewor­den sind vor rund 45 Jah­ren, trägt sie einen Kup­fer­ton. Sie habe sich vor kur­zem über­legt, ihre Haa­re nicht mehr zu fär­ben, habe sich dann aber doch dage­gen ent­schie­den. „Mei­ne Enkel­kin­der ken­nen mich nur so, ich kann jetzt in die­sem hohen Alter nicht mehr mei­nen Typ ver­än­dern”, sagt sie. Aus­ser­dem gefal­le sie sich so. Dass Anna-Maria ein Mensch mit aus­ge­präg­tem Schön­heits­sinn ist, zeigt sich auch an der Wahl ihrer Klei­dung und Acces­soires. So sind ihre Hand­ta­sche und das dazu­ge­hö­ren­de Schmink­etui eben­falls kup­fer­far­ben, pas­send zur Haar­far­be. „Ich bin eine zwei­hun­dert­pro­zen­ti­ge Ästhe­tin“, so Anna-Maria.

 

Über das Ster­ben reden hilft
Ihren Lebens­herbst ver­schö­nern ihr vor allem zwei Din­ge: ihre Fami­lie und ihre Freun­din­nen. Sie hat über die Jah­re hin­weg den Kon­takt zu ihren Liebs­ten gehal­ten. So ver­geht kein Tag, an dem Anna-Maria nicht mit ihren Freun­din­nen kor­re­spon­diert oder tele­fo­niert. Beson­ders in schwie­ri­gen Momen­ten hilft ihr der Aus­tausch mit Ver­trau­ten, mit den eige­nen Alters­be­schwer­den umzu­ge­hen. Auch das Ster­ben ist häu­fig The­ma in ihren Brie­fen und Tele­fo­na­ten. Eine gute Freun­din ruft sie sogar täg­lich an und erzählt, wie es ihr geht. „Sie hat gros­se Angst vor dem Ster­ben. Sie hat Mühe mit Atmen und stän­dig das Gefühl zu ersti­cken, obwohl ihr medi­zi­nisch nichts auf der Lun­ge fehlt“, sagt die 87-Jäh­ri­ge. Der Tod selbst macht Anna-Maria wenig Angst. Sie fürch­tet sich aber vor einem lan­gen und qual­vol­len Lei­dens­weg. Die Psy­cho­phar­ma­ka, die sie täg­lich ein­nimmt, hel­fen ihr über Zustän­de der Angst oder Ein­sam­keit hin­weg. Im Glau­ben an Gott fin­det sie kei­ne Zuver­sicht: „Ich bete nicht. Ich war schon immer ein lau­er Katho­lik. Für mich ist Gott kei­ne Per­son. Für mich ist Gott ein­fach Gutes tun, nicht betrü­gen und sei­nen Nächs­ten lie­ben.“

 

Anna-Maria macht kei­ne Rei­se ins Licht
So glaubt Anna-Maria nicht an ein Leben nach dem Tod. „Wenn ich sehr reli­gi­ös wäre, wäre ich wohl nicht bei EXIT“, sagt sie. Ihrem Tag des Abschieds sieht die 87-Jäh­ri­ge hoff­nungs­voll ent­ge­gen: „Es wird eine Erlö­sung sein, kei­ne Schmer­zen und Sor­gen mehr zu haben.“ In ihrer Vor­stel­lung fal­len mit dem Ster­ben nicht nur ihre Schmer­zen und Sor­gen ab, son­dern auch ihre See­le erlischt. So wird nach einem für sie wür­de­vol­len Tod Stil­le herr­schen.

Doch in die­sem Moment ist ihr Ant­litz noch nicht erstarrt. Im Gegen­teil. Ihr Haar glänzt. Ihr Teint wirkt rosig und gesund. In ihrem Blick wider­spie­gelt sich Ent­schlos­sen­heit. Anna-Maria setzt ihre oran­ge-schwar­ze Bril­le auf, malt sich die Lip­pen an und wirft einen letz­ten kri­ti­schen Blick in den Spie­gel. Dann greift sie zur kup­fer­far­be­nen Hand­ta­sche und ver­lässt das Coif­feur-Geschäft.


Text, Fotos & Audio: Sarah Huber