Gaby Moser berät Menschen, die einiges in ihrem Leben regeln möchten. Im Interview erklärt sie, wer wann und warum einen Vorsorgeauftrag nötig hat. (Foto: Peter Lauth)
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Ist jemand urteilsunfähig, hilft der individuell erstellte Vorsorgeauftrag

Ein Vorsorgeauftrag, eine Patientenverfügung sind nur gültig und hilfreich, wenn sie individuell abgefasst wurden und, wenn nötig, laufend erneuert werden.

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Autor am
06. Oktober 2017

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Gaby Moser berät Menschen, die einiges in ihrem Leben regeln möchten. Im Interview erklärt sie, wer wann und warum einen Vorsorgeauftrag nötig hat.

 

Frau Moser, was kann ich mit einem Vorsorgeauftrag regeln?

Gabriele Moser: Mit einem Vorsorgeauftrag kann ich behördliche Erwachsenenschutzmassnahmen, also eine Beistandschaft durch eine fremde Person, verhindern, wenn ich einmal infolge von Krankheit, Unfall oder Altersschwäche urteilsunfähig werde und meine Angelegenheiten nicht mehr selbst regeln kann.

Wie kann ich einen Vorsorgeauftrag machen?
Sie wenden das gleiche Vorgehen an wie bei einem Testament. Entweder Sie verfassen es von A bis Z handschriftlich, datieren und unterschreiben es oder lassen es bei einem Notar beurkunden.

Ich habe schon eine Patientenverfügung. Brauche ich noch einen Vorsorgeauftrag?
Ganz klar ja. Und zwar aus folgendem Grund: Bei einer Patientenverfügung geht es um meine Stellung als Patient und meine Entscheidung bezüglich medizinischer Massnahmen bei lebensbedrohlichen Situationen. Also  beim Lebensende, beim Sterben und nach meinem Tod, etwa betreffend Organentnahme.

Beim Vorsorgeauftrag geht es ums Weiterleben …
Genau, wenn jemand infolge eines Unfalls oder einer Krankheit urteilsunfähig wird und auf die Hilfe von Dritten angewiesen ist

Welche Lebensbereiche kann ich konkret regeln?
Ein umfassender Vorsorgeauftrag deckt alle Lebensbereiche ab. Man spricht in diesem Zusammenhang von Personensorge, Vermögenssorge und der Vertretung im Rechtsverkehr. Diese Bereiche können verschiedenen Personen oder Institutionen übertragen werden. Wenn komplizierte Vermögensverhältnisse oder Familiensituationen bestehen, Patchwork-Familien, wohlhabende Personen oder Familienbetriebe, wird häufig die normale Vermögenssorge einem Geschäftspartner, Anwalt oder Treuhänder übertragen. Bei einer Splittung müssen die Aufgaben klar umschrieben werden.

Was bedeutet eine umfassende Vermögenssorge?
Für bestimmte Geschäfte braucht der Beauftragte die Ermächtigung der Kindes- und Erwachsenenschutz- behörde KESB. Diese Geschäfte sind in Art. 396 Abs. 3 OR aufgeführt. Soll der oder die Beauftragte zur umfassenden Vermögenssorge berechtigt sein, muss diese Ermächtigung ausdrücklich im Vorsorgeauftrag aufgezählt werden.

Gaby Moser

Gaby Moser: «Ein umfassender Vorsorgeauftrag deckt alle Lebensbereiche ab. Man spricht in diesem Zusammenhang von Personensorge, Vermögenssorge und der Vertretung im Rechtsverkehr.» (Foto: Peter Lauth)

Aufgepasst heisst es bei Interessenskollision.
Tatsächlich. Bei Interessenskonflikten entfallen die Befugnisse des Beauftragten. Gemäss Art. 365 Abs. 3 ZGB und Art. 368 ZGB muss die KESB von Amtes wegen einschreiten. Häufiges Beispiel: Bevollmächtigter und Auftraggeber gehören derselben Erbengemeinschaft an.

Wen kann ich beauftragen, meine Rechte durchzusetzen?
Grundsätzlich kann ich jede handlungsfähige Person beauftragen. Dieselben Aufgaben können ebenso mehreren Personen übertragen werden, was bei Meinungsverschiedenheiten jedoch zu Problemen führen kann. Ich rate davon meistens ab. Wichtig ist die Nennung von Ersatzbevollmächtigten, wenn ein Bevollmächtigter, eine Bevollmächtigte ausfällt.

Was passiert, wenn ein Vorsorgeauftrag ungültig ist. Etwa, weil die vorgeschriebene Form nicht eingehalten wurde oder der Bevollmächtigte ausfällt.
In diesen Fällen wird von der KESB geprüft, ob ein gesetzliches Vertretungsrecht vorliegt. Zum Beispiel bei Ehepartnern oder bei eingetragenen Partnerschaften. Wenn nein, wird eine Beistandschaft von Amts wegen errichtet.

Früher hat man doch eine Vollmacht gemacht. Worin besteht der Unterschied zum Vorsorgeauftrag?
Eine Vollmacht ist sofort, ab Ausstellung, wirksam. Achtung: Banken und die Post akzeptieren aber nur eigene Formulare. Ist der Vollmachtgeber urteilsunfähig geworden, erlischt eine normale Vollmacht, wenn nicht ausdrücklich vermerkt wurde, dass sie auch im Fall der Urteilsunfähigkeit gelten soll.

Wäre eine Vollmacht nicht viel praktischer?
Ja, für eine Übergangszeit ist eine Vollmacht nach wie vor eine sehr gute Lösung, weil der Beauftragte sofort handeln kann. Denken Sie etwa an einen schweren Unfall, wenn jemand aufgrund seiner Verletzungen nicht ansprechbar ist. Stellt sich dann aber heraus, dass die Urteilsfähigkeit nicht mehr zurückkommt, langt eine Vollmacht nicht mehr. Dann braucht es eben den Vorsorgeauftrag mit seinen vielen Voraussetzungen.

Gaby Moser Interview zu Vorsorgeauftrag

Gaby Moser: «Ist der Vorsorgeauftrag einmal in Kraft gesetzt, kann die beauftragte Person im Rahmen ihrer Kompetenzen handeln.» (Foto: Peter Lauth)

Was sind das für Voraussetzungen, oder was prüft die KESB eigentlich genau?
Sobald die Behörde eine so genannte Gefährdungsmeldung bekommt, prüft sie, ob ein Vorsorgeauftrag existiert. Sobald dieser vorliegt, prüft die KESB,

  • ob eine Urteilsunfähigkeit vorliegt.
  • der Vorsorgeauftrag formgültig errichtet wurde.
  • der Verfasser bei der Erstellung noch handlungsfähig war. Das ist wichtig bei Demenzsituationen.
  • der angeordnete Inhalt umsetzbar und nicht widerrechtlich ist.
  • die beauftragte Person geeignet und bereit ist, die Aufgabe zu übernehmen.

Erst wenn diese Voraussetzungen bejaht werden können, setzt die KESB die vorsorgeberechtigte Person ein und händigt ihr eine Urkunde aus, in der ihre Kompetenzen aufgeführt sind.

Dann muss der Vorsorgeauftrag von der KESB zuerst in Kraft gesetzt werden …
Ja, genau. Ist der Vorsorgeauftrag einmal in Kraft gesetzt, kann die beauftragte Person im Rahmen ihrer Kompetenzen handeln. Aufgaben, die nicht vom Vorsorgeauftrag erfasst werden, müssen der KESB vorgelegt werden.

Höre ich da ein Zögern?
Ja, das stimmt. Der zeitliche Aspekt bezüglich der vielen Abklärungen kann in einer Krisensituation sehr negative Auswirkungen haben.

Haben Sie ein Beispiel?
Ich denke da hauptsächlich an eine plötzlich auftretende Urteilsunfähigkeit wegen eines Schlaganfalls, einer Hirnblutung oder eines Unfalls. Wenn der Inhaber eines kleinen Betriebes plötzlich ausfällt, ist oft ein finanzielles Desaster programmiert. Solange die KESB den Vorsorgeauftrag nämlich nicht in Kraft gesetzt hat, kann der oder die Beauftragte nicht tätig werden. Diese Überprüfung kann Monate dauern. Im schlimmsten Fall ruiniert das eine kleine Firma, und eine Familie wird finanziell extrem belastet.

Was sind «Fallen», die jemand unbedingt beachten muss? Die Wahl des richtigen Vorsorgebeauftragten ist sicher das Schwierigste. Unter Umständen macht es Sinn, die Personensorge und die Vermögenssorge zu splitten und zwei Personen mit konkret benannten Aufgaben zu betrauen. Bei der Vermögenssorge ist die Benennung einer juristischen Person empfehlenswert. Das kann ein Anwalt, eine Bank, ein Treuhänder sein, wenn die fachliche Kompetenz des Beauftragten nicht sicher ist oder Interessenskollisionen und Konflikte denkbar sind.

Wer setzt den Vorsorgeauftrag durch?
Der Beauftragte.

Könnte jemand meinen Vorsorgeauftrag als «ungültig» lassen?
Ja, das kann die KESB.

Und wenn sich der Beauftragte überfordert fühlt?
… schreitet die KESB ebenfalls ein. Ebenso, wenn Interessenkonflikte bestehen oder wenn die Interessen des Auftraggebers schlecht vertreten oder verletzt werden.

Wenn die Urteilsfähigkeit des Verfassers zurückkehrt …
… dann wird der Vorsorgeauftrag automatisch ungültig.

Wo hinterlegt der Verfasser seinen Vorsorgeauftrag?
Kommt auf seinen Wohnort an. Sicher bei den Dokumenten zu Hause. Zudem sollte ein vom Verfasser unterzeichnetes Dokument beim Vorsorgebeauftragten sein.

Gibt es noch andere Orte? Bei Behörden etwa?
Im Kanton Zürich hat man die Möglichkeit, den Vorsorgeauftrag direkt bei der KESB zu hinterlegen. Kosten: CHF 150. Im Kanton Aargau beim Familiengericht des Wohnbezirks. In der ganzen Schweiz besteht ausserdem die Möglichkeit, den Hinterlegungsort gegen eine Gebühr beim Zivilstandsamt einer Gemeinde eintragen zu lassen. (das geht sogar online via Personenstandsregister INFOSTAR, die Redaktion).

Wen informiere ich, dass ein Vorsorgeauftrag besteht?
Je mehr Personen und Ämter es wissen, desto besser. Wichtig ist ja, alles zu unternehmen, dass die eigenen Wünsche beachtet werden.

Gaby Moser Interview zu Vorsorgeauftrag

Gaby Moser: «Ist ein Vorsorgeauftrag ungültig, wird von der KESB geprüft, ob ein gesetzliches Vertretungsrecht vorliegt. Zum Beispiel bei Ehepartnern oder bei eingetragenen Partnerschaften.» (Foto: Peter Lauth)

 

Wer einen Vorsorgeauftrag erstellen möchte und sich deswegen beraten lässt, denkt an schwere, leidvolle Tage. Denkt an die eigene Urteilsunfähigkeit, denkt an Unfall und Hilfsbedürftigkeit. Damit ist eine Beraterin, ein Berater konfrontiert. Deshalb wollte DeinAdieu-Autor Martin Schuppli folgendes wissen:

Frau Moser: Wie und bei wem erlebten Sie den Tod in Ihrer nächsten Umgebung?
Gaby Moser: Bei Freunden und hautnah bei meinen Eltern, insbesondere bei meiner Mutter. Bei ihr war die Patientenverfügung extrem wichtig. Sie hatte ein Lungenemphysem im Endstadium. In Ihrer Patientenverfügung hatte sie ausdrücklich vermerkt, dass ein Luftröhrenschnitt als lebensverlängernde Massnahme verboten wird. Trotzdem wollte der behandelnde Professor damals diesen Eingriff durchführen.

Sie mussten sich wehren.
Ja. Und wie. Ich wurde laut und bestimmt.

Was denken Sie, geschieht im Moment des Sterbens?
Ich glaube, dass die Seele den Körper verlässt. Ich durfte bisher beobachten, dass in der letzten Phase Angst und Schmerzen scheinbar verschwinden. Auch glaube ich, schon einmal etwas Ähnliches wie eine Nahtoderfahrung erlebt zu haben. Ich schwebte über mir und konnte durch Mauern fliegen. Es gab keine Widerstände. Alles war leicht, ohne Panik und irgendwie selbstverständlich.

Was kommt danach, nach dem Tod?
Keine Ahnung. Ich hoffe, es geht weiter.

Wenn Ihnen etwas Angst macht, rund um Leben und Sterben, was ist es?
Damals hatte ich keine Angst. Vielleicht ist es beim nächsten Mal anders. Im Moment kann ich nicht sagen, ob mir der eigene Tod Angst macht. Ich fürchte mich aber sicher davor, dass meine Lieben vorher sterben oder, dass ich zu einem Pflegefall werde. Ich habe das schon zu oft erlebt. Ich war oft in Krankenhäusern sowie in Alters- und Pflegeheimen. Die Tristesse und der oft anzutreffende Geruch bereiten mir Mühe. Wenn ich dement werde, möchte ich, dass mein Mann mich an einen warmen Ort bringt, in eine Umgebung mit herzlichen Menschen, mit Tieren und schönen Blumen.

Der Autor lächelt. «Das, liebe Gaby Moser, tönt ja ganz danach, als möchten Sie dann in Thailand leben.»

Gabriele Moser, Assessor jur, studierte in Deutschland, lebt seit «Urzeiten» in der Schweiz und ist seit 30 Jahren verheiratet mit Alfred Moser.

Erlernter Beruf/derzeitige Tätigkeit:
Jurastudium an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Nach dem Assessor-Examen Tätigkeit als Rechtsanwältin und Rechtskonsulentin bei einer Europabehörde. Seit 1983 in die Schweiz. Bei der Zürich-Versicherung in Zürich leitete ich unter anderem das Center of Competence für Spezialversicherungen und den Fachzirkel Gesundheitswesen mit Schwerpunkt Haftpflichtrecht, Schadenauswertungen und Risikoanalysen für Spitäler.

Seit 2004 berate ich als selbstständige Unternehmerin Firmen und Privatpersonen im Bereich Prävention.

Gabriele Moser
Risk Management & Consulting
Poststrasse 9, 6315 Oberägeri ZG

Telefon +41 41 750 86 07 | Handy +41 79 425 46 77

gabriele.moser@agmoser.ch

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