Gedich­te

DeinAdieu stellt hier eini­ge Gedich­te zur Ver­fü­gung. Las­sen Sie sich durch die ver­schie­de­nen Bei­spie­le inspi­rie­ren oder ver­fas­sen Sie Ihren ganz per­sön­li­chen Text.

Abwe­sen­heit

Es gibt nichts, was die Abwe­sen­heit
eines gelieb­ten Men­schen erset­zen kann.
Je schö­ner und vol­ler die Erin­ne­rung,
des­to här­ter die Tren­nung,
aber die Dank­bar­keit schenkt
in der Trau­er eine stil­le Freu­de.
Man trägt das ver­gan­ge­ne Schö­ne
wie ein kost­ba­res Geschenk in sich.

(Diet­rich Bon­hoef­fer, 1906 – 1945)

Aus­gang

Immer enger, lei­se, lei­se,
Zie­hen sich die Lebens­krei­se,
Schwin­det hin, was prahlt und prunkt,
Schwin­det Hof­fen, Has­sen, Lie­ben,
Und ist nichts in Sicht geblie­ben
Als der letz­te dunk­le Punkt.

Theo­dor Fon­ta­ne (1819–1898)

Wie wenn das Leben wär nichts and­res

Wie wenn das Leben wär nichts and­res
Als das Ver­bren­nen eines Lichts!
Ver­lo­ren geht kein ein­zig Teil­chen,
Jedoch wir sel­ber gehn ins Nichts!

Denn was wir Leib und See­le nen­nen,
So fest in eins gestal­tet kaum,
Es löst sich auf in Tau­send­teil­chen
Und wim­melt durch den öden Raum.

Es wal­tet stets das­sel­be Leben,
Natur geht ihren ew’gen Lauf;
In tau­send neu­erschaff­nen Wesen
Stehn die­se tau­send Teil­chen auf.

Das Wesen aber ist ver­lo­ren,
Das nur durch ihren Bund bestand,
Wenn nicht der Zufall die ver­stäub­ten
Aufs neu zu einem Sein ver­band.

(Theo­dor Storm, 1817–1888)

Mei­ne Grä­ber

Kein Erb­be­gräb­nis mich stolz erfreut;
mei­ne Grä­ber lie­gen zu weit zer­streut,
weit zer­streut über Stadt und Land,
aber all in mär­ki­schem Sand.

Ver­fal­le­ne Hügel, die Schwal­ben ziehn,
vor­über schlän­gelt sich der Rhin,
über weis­se Stei­ne, zer­brö­ckelt all’,
blickt der alte Rup­pi­ner Wall,
die Buchen stehn, die Eichen rau­schen,
die Grä­ber­bü­sche Zwie­sprach tau­schen,
und Hafer­fel­der weit auf und ab, -
da ist mei­ner Mut­ter Grab.

Und ein and­rer Platz, dem ver­bun­den ich bin:
Berg­leh­nen, die Oder fliesst dran hin,
zieht vor­über in trä­gem Lauf,
gel­be Mum­meln schwim­men dar­auf.

Am Ufer Werft und Schilf und Rohr,
und am Abhan­ge schim­mern Kreu­ze her­vor,
auf eines fällt hel­ler Son­nen­schein, -
da hat mein Vater sei­nen Stein.

Der Drit­te, sei­nes Todes froh,
liegt auf dem wei­ten Tel­tow-Pla­teau,
Dächer von Zie­gel, Dächer von Schie­fer,
dann und wann eine Krüp­pel­kie­fer,
ein stil­ler Gra­ben die Was­ser­schei­de,
Bir­ken hier und da eine Wei­de,
zuletzt eine Pap­pel am Hori­zont, -
im Abend­strah­le sie sich sonnt.

Auf den Grä­bern Blu­men und Aschen­krü­ge,
vor­über in Fer­ne ras­seln die Züge,
still bleibt das Grab und der Schlä­fer drin, -
der Wind, der Wind geht drü­ber hin.

(Theo­dor Fon­ta­ne, 1819–1888)

Herbst

Die Blät­ter fal­len, fal­len wie von weit,
als welk­ten in den Him­meln fer­ne Gär­ten;
sie fal­len mit ver­nei­nen­der Gebär­de.

Und in den Näch­ten fällt die schwe­re Erde
aus allen Ster­nen in die Ein­sam­keit.

Wir alle fal­len. Die­se Hand da fällt.
Und sieh dir and­re an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, wel­cher die­ses Fal­len
unend­lich sanft in sei­nen Hän­den hält.

(Rai­ner Maria Ril­ke, 1875–1926)

Wie geht’s es wei­ter ohne dich?

wir soll­ten hei­ter Raum um Raum durch­schrei­ten,
an kei­nem wie an einer Hei­mat hän­gen,
der Welt­geist will nicht fes­seln uns und engen,
er will uns Stuf’ um Stu­fe heben, wei­ten.

Es wird viel­leicht auch noch die Todes­stun­de
uns neu­en Räu­men jung ent­ge­gen­sen­den,
des Lebens Ruf an uns kann nie­mals enden.
Wohl­an denn Herz, nimm Abschied und gesun­de!

(Her­mann Hes­se, 1877–1962)

Im Abend­rot

Wir sind durch Not und Freu­de
Gegan­gen Hand in Hand,
Vom Wan­dern ruhn wir bei­de
Nun überm stil­len Land.
Rings sich die Täler nei­gen,
Es dun­kelt schon die Luft,
Zwei Ler­chen nur noch stei­gen
Nach­träu­mend in den Duft.
Tritt her, und lass sie schwir­ren,
Bald ist es Schla­fens­zeit,
Dass wir uns nicht ver­ir­ren
In die­ser Ein­sam­keit.
O wei­ter, stil­ler Frie­de!
So tief im Abend­rot
Wie sind wir wan­der­mü­de –
Ist das etwa der Tod?

(Joseph von Eichen­dorff, 1788–1857)

Mond­nacht

Es war, als hätt der Him­mel
die Erde still geküsst,
dass sie im Blü­ten­schim­mer
von ihm nun träu­men müsst!

Die Luft ging durch die Fel­der, die Ähren wog­ten sacht,
es rausch­ten leis die Wäl­der,
so stern­klar war die Nacht.

Und mei­ne See­le spann­te
weit ihre Flü­gel aus,
flog durch die stil­len Lan­de,
als flö­ge sie nach Haus.

(Joseph von Eichen­dorff, 1788–1857)

Him­mel

Wenn Du bei Nacht den Him­mel anschaust,
wird es Dir sein, als lach­ten alle Ster­ne,
weil ich auf einem von ihnen woh­ne,
weil ich auf einem von ihnen lache.
Du allein wirst Ster­ne habe, die lachen kön­nen.

(Antoi­ne de Saint-Exu­pé­ry, 1900–1944)

Tren­nung ist unser Los,

Wie­der­se­hen ist unse­re Hoff­nung.
So bit­ter der Tod ist,
die Lie­be ver­mag er nicht zu schei­den.
Aus dem Leben ist er zwar geschie­den,
aber nicht aus unse­rem Leben;
denn wie ver­möch­ten wir ihn tot zu wäh­nen,
der so leben­dig unse­rem Her­zen inne­wohnt!

(Augus­ti­nus, 345–430)

Schluss­stück

Der Tod ist gross,
Wir sind die Sei­nen
lachen­den Munds.
Wenn wir uns mit­ten im Leben mei­nen,
wagt er zu wei­nen
mit­ten in uns.

(Rai­ner Maria Ril­ke, 1875–1926)

Abend­lied

Der Mond ist auf­ge­gan­gen
Die gold­nen Stern­lein pran­gen
Am Him­mel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schwei­get,
Und aus den Wie­sen stei­get
Der weis­se Nebel wun­der­bar.

Wie ist die Welt so stil­le,
Und in der Dämm­rung Hül­le
So trau­lich und so hold!
Als eine stil­le Kam­mer,
Wo ihr des Tages Jam­mer
Ver­schla­fen und ver­ges­sen sollt.

Seht ihr den Mond dort ste­hen? -
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl man­che Sachen,
Die wir getrost bela­chen,
Weil uns­re Augen sie nicht sehn.

Wir stol­ze Men­schen­kin­der
Sind eitel arme Sün­der,
Und wis­sen gar nicht viel;
Wir spin­nen Luft­ge­spins­te,
Und suchen vie­le Küns­te,
Und kom­men wei­ter von dem Ziel.

Gott, lass uns dein Heil schau­en,
Auf nichts Ver­gäng­lichs trau­en,
Nicht Eitel­keit uns freun!
Lass uns ein­fäl­tig wer­den,
Und vor dir hier auf Erden
Wie Kin­der fromm und fröh­lich sein!

Wollst end­lich son­der Grä­men
Aus die­ser Welt uns neh­men
Durch einen sanf­ten Tod!
Und, wenn du uns genom­men,
Lass uns in Him­mel kom­men,
Du unser Herr und unser Gott!

So legt euch denn, ihr Brü­der,
In Got­tes Namen nie­der;
Kalt ist der Abend­hauch.
Ver­schon uns, Gott! mit Stra­fen,
Und lass uns ruhig schla­fen!
Und unsern kran­ken Nach­bar auch!

(Mat­thi­as Clau­di­us, 1740–1815)

Der Todes­en­gel

s gibt eine Sage, dass wenn plötz­lich matt
Unheim­lich Schau­dern einen über­glei­te,
Dass dann ob sei­ner künft’gen Gra­bes­statt
Der Todes­en­gel schrei­te.
Ich hör­te sie, und mal­te mir ein Bild
Mit Trau­er­lo­cken, mond­be­glänz­ter Stir­ne,
So schau­rig schön, wie’s wohl zuwei­len quillt
Im schwim­men­den Gehir­ne.
In sei­ner Hand sah ich den Eben­stab
Mit lei­sem Strich des Bet­tes Lage mes­sen,
– So weit das Haupt – so weit der Fuss – hin­ab!
Ver­schüt­tet und ver­ges­sen!
Mich grau­te, doch ich sprach dem Grau­en Hohn,
Ich hielt das Bild in Rei­mes Netz gefan­gen,
Und fre­velnd wagt’ ich aus der Toten­kron’
Ein Lor­beer­blatt zu lan­gen.
O, man­che Stun­de denk’ ich jetzt dar­an,
Fühl’ ich mein Blut so matt und sto­ckend schlei­chen,
Schaut aus dem Spie­gel mich ein Ant­litz an –
Ich mag es nicht ver­glei­chen; –
Als ich zuerst dich auf dem Fried­hof fand,
Tief­sin­nig um die Monu­men­te strei­fend,
Den schwar­zen Eben­stab in dei­ner Hand
Ent­lang die Hügel schlei­fend;
Als du das Auge hobst, so scharf und nah,
Ein lei­ses Schau­dern plötz­lich mich befan­gen,
O wohl, wohl ist der Todes­en­gel da
Über mein Grab gegan­gen!

(Annet­te von Dros­te-Hüls­hoff, 1797–1848)

Kom­me, was kom­men mag

So kom­me, was da kom­men mag!
So lang du leb­test ist es Tag.
Und geht es in die Welt hin­aus,
wo du mir bist, bin ich zu Haus.
Ich seh‘ dein lie­bes Ange­sicht,
ich sehe die Schat­ten der Zukunft nicht

(Theo­dor Storm, 1817–1888)

Der Tod das ist die küh­le Nacht

Der Tod das ist die küh­le Nacht,
Das Leben ist der schwü­le Tag.
Es dun­kelt schon, mich schlä­fert,
Der Tag hat mich müd gemacht.
Über mein Bett erhebt sich ein Baum,
Drin singt die jun­ge Nach­ti­gall;
Sie singt von lau­ter Lie­be,
Ich hör es sogar im Traum.

(Hein­rich Hei­ne, 1797–1856)

Trost

O Trost der Welt, du stil­le Nacht!
Der Tag hat mich so müd’ gemacht,
das wei­te Meer schon dun­kelt.
Lass aus­ruhn mich von Lust und Not,
bis, dass das ewi­ge Mor­gen­rot
den stil­len Wald durch­fun­kelt.

(Joseph von Eichen­dorff, 1788–1857)

Schmerz

Wenn etwas uns fort­ge­nom­men wird,
womit wir tief und wun­der­bar zusam­men­hän­gen,
so ist viel von uns sel­ber mit fort­ge­nom­men.
Gott aber will, dass wir uns wie­der fin­den.
Rei­cher um alles ver­lo­re­ne, und ver­mehrt um jenen unend­li­chen Schmerz.

(Rai­ner Maria Ril­ke, 1875–1926)