Tanja (M.), Christian und Felicia. Eine glückliche Familie. Die Beziehungskrise nach dem Tod von Livio ist überwunden.
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Schick­sals­schlag: Der Tod ihres Babys zer­stör­te fast die Bezie­hung

Wenn Eltern ein Kind in sei­ner frü­hes­ten Lebens­pha­se ver­lie­ren, ist der Schmerz rie­sig, das Leid unend­lich gross, die Trau­er nur schwer zu bewäl­ti­gen. Und doch geht das Leben wei­ter. Uner­bitt­lich. Schick­sals­schlag hin oder her. 

Artikel verfasst von Martin Schuppli, Journalist BR am
08. Dezember 2017

«Ja, es ging wei­ter. Mein Leben, unser Leben», sagt Tan­ja. «Aber wie. Die Bezie­hung zwi­schen Chris­ti­an und mir geriet aus den Fugen. Droh­te zu zer­bre­chen.» Ein Schick­sals­schlag.

Begin­nen wir von vorn, im Jahr 2008. Tan­ja, damals 30 Jah­re alt, wur­de schwan­ger. Sie war seit fünf Jah­ren mit Chris­ti­an, damals 34, zusam­men. «Ich erwar­te­te ein Wunsch­kind», sagt Tan­ja, Heil­päd­ago­gin von Beruf. «Wir, und nur wir bei­de, wuss­ten, es wird ein Bub. Er soll­te Livio heis­sen.»

In der 34. Woche der Schwan­ger­schaft, kurz nach Beginn des neu­en Jah­res, spür­te Tan­ja, «etwas in mei­nem Bauch stimmt nicht mehr.» Die weib­li­che Intui­ti­on liess sie nicht im Stich. «Wir wohn­ten damals neben dem Spi­tal, und rasch war klar, dem Kind gehts nicht gut.» Ein Not­kai­ser­schnitt soll­te sein Leben ret­ten. Und das aus­ge­rech­net am Geburts­tag sei­ner Got­te, der Schwes­ter von Tan­ja. Sie sagt: «Für Fabi­en­ne ist der Geburts­tag das gröss­te Fest des Jah­res, und genau die­ses Datum such­te unser Bub aus, um zur Welt zu kom­men.»

Livio schien gesund und stark

Einen Tag spä­ter ver­liess er sie wie­der. Unbe­greif­lich für alle. «Die Schwan­ger­schaft war unpro­ble­ma­tisch. Livio schien gesund und stark, er hat­te rich­tig dicke Backen», erzählt Tan­ja. «Nie­mand sah ihm an, wie schlecht zwäg er war.»

24 Stun­den schenk­te das Schick­sal den leid­ge­prüf­ten Eltern. Am 16. Janu­ar 2009 starb der heiss ersehn­te, gelieb­te Sohn in den Armen des Vaters, kurz nach der Not­tau­fe. «Ich trug das Kind Mona­te lang unter dem Her­zen, und des­halb wünsch­te ich mir, dass Chris­ti­an ihn hält, wenn die Maschi­nen abge­stellt wer­den.»

War­um Livio ster­ben muss­te, fand nie­mand her­aus. «Wir durf­ten ihn noch drei Tage bei uns behal­ten, auf­bah­ren und war­ten, bis mei­ne Schwes­ter ihn sehen konn­te. Sie war am ande­ren Ende der Welt und reis­te über­stürzt heim.» Drei Tage nach sei­nem Weg­gang wur­de der klei­ne Kör­per obdu­ziert. Das Ergeb­nis der Aut­op­sie half den trau­ern­den Eltern nicht wei­ter. «Nach dem Kai­ser­schnitt ver­sag­ten sei­ne Orga­ne», sagt Tan­ja. «Mehr wis­sen wir nicht».

Und wie ging das Leben wei­ter? «Wir wuss­ten sofort, wir wol­len wie­der ein Kind. Dar­um lies­sen wir die Aut­op­sie machen, denn wir hoff­ten, zu erfah­ren, was der Grund für sein Ster­ben war. »

Das Leben von Tan­ja und Chris­ti­an war kom­plett auf den Kopf gestellt. Aus den Fugen gera­ten. «Logisch frag­ten wir uns, war­um das gesche­hen ist. War­um gera­de unser Kind ster­ben muss­te. Wir hat­ten das Gefühl, wir sei­en die Ein­zi­gen, die so etwas Schlim­mes erlebt hat­ten. Schliess­lich hat­te ich die ver­flix­te 24. Woche über­stan­den, hat­te nie Beschwer­den», sagt Tan­ja. «Nadis­na wur­de mir klar, dass wir nicht die Ein­zi­gen sind.» Sie schweigt. Schüt­telt den Kopf. «Mein Urver­trau­en war tief erschüt­tert.»

Gehol­fen hat Tan­ja eine «Super-Heb­am­me im Spi­tal. Sie erzähl­te uns von der Fach­stel­le Kindsverlust.ch, sag­te mir, wie wich­tig ein Rück­bil­dungs­kurs für mich wäre.» Der Weg nach Bern war der trau­ern­den Mut­ter zu weit. «Ich besuch­te einen Kurs in Basel. Freud­los. Mein Kör­per war mir egal. Ich nahm kei­ne Rück­sicht wegen des Kai­ser­schnitts.»

Wich­ti­ger war ihr die Bezie­hung zu Chris­ti­an. «Ich sag­te ihm, ‹gäll, wir packen das zusam­men›.» Das war schnel­ler gesagt, als wirk­lich getan. Denn der Tod des Soh­nes warf ihn eben­so aus der Bahn. «Damals konn­te er trau­rig sein, mein Mann. Konn­te sei­nen Schmerz zei­gen», sagt Tan­ja. «Er blieb zwei Wochen zu Hau­se. Zusam­men kon­sul­tier­ten wir eine Psy­cho­lo­gin, lies­sen uns hel­fen.» Sie unter­bricht das Gespräch kurz. Hält inne und sagt dann. «Mir tat die Hil­fe gut. Chris­ti­an ging wie­der arbei­ten, ich eben­falls.»

Gros­se Angst bei Feli­ci­as Geburt

Das ging so, bis Feli­cia zur Welt kam. Es war an einem Frei­tag. Am 27. August 2010 erblick­te die Toch­ter von Tan­ja und Chris­ti­an das Licht der Welt. «Mit einem geplan­ten Kai­ser­schnitt. Ich woll­te kei­ne nor­ma­le Geburt erle­ben. Hat­te gros­se Angst, dem Kind könn­te etwas pas­sie­ren.» Dar­um kam für Tan­ja nur ein geplan­ter Kai­ser­schnitt in Fra­ge.

Alles gut? «Ja, dann schon», sagt Tan­ja. «Die zwei­te Schwan­ger­schaft erleb­te ich als extrem schwe­re Zeit. Obwohl es ein bewuss­ter Ent­scheid war, die­ses Kind zu zeu­gen, began­nen zu Beginn die­ser neun Mona­te unse­re gros­sen Bezie­hungs­pro­ble­me.»

Vie­le Ängs­te kamen hoch. Jeder Glau­be fehl­te zeit­wei­se, jede Zuver­sicht. Tan­ja sagt: «Nie­mand konn­te mir garan­tie­ren, dass es nicht ein zwei­tes Mal pas­siert? Das Schick­sal wie­der zuschlägt.»

Kurz vor der Fas­nacht 2010 war klar, Tan­ja ist wie­der schwan­ger. In die­sem Jahr konn­te nur Chris­ti­an den Zau­ber der «drey sche­ensch­te Dääg» genies­sen. Sei­ne Frau sagt: «Er hau­te auf den Putz, schau­te nur für sich. Das war unty­pisch. Chris­ti­an merk­te, dass er sich im Trau­er­jahr zu wenig um sich selbst geküm­mert hat­te. Das kam dann nadis­na aus.»

Ein Pro­blem vie­ler Stern­li-Väter: Sie mei­nen, sie müss­ten zu den trau­ern­den Müt­tern schau­en. Stark sein. «Dabei woll­te ich das gar nicht», sagt Tan­ja. «Schlimm. Wir frag­ten uns, wie es so weit hat­te kom­men kön­nen».

Chris­ti­an lan­de­te voll im Cha­os von Leid, Trau­er und Emo­tio­nen. Er war sich gar nicht mehr sicher. Frag­te sich, ob die Lie­be zu Tan­ja noch stim­me, ob sie ein Paar blei­ben sol­len, ob er wei­ter­hin zusam­men leben will mit ihr? Die­se Ver­zweif­lung und Ohn­macht spür­te die schwan­ge­re Frau. «Ich fühl­te mich allei­ne. Wenn ich mir vor­stell­te, dass wir uns nun tren­nen wür­den, tat sich der Boden auf, ich dach­te, das geht nicht. Bei der Schwan­ger­schaft mit Livio war er an mei­ner Sei­te. Jetzt kann er mich nicht allein las­sen. Ohne ihn will ich doch kein Kind.» Sie hält kurz inne, sagt dann: «Ich ver­stand ihn nicht. Wuss­te nicht, war­um er in die Kri­se geschlit­tert war.»

«Die­se Schwan­ger­schaft konn­te ich nicht genies­sen»

Tan­ja kämpf­te. Sie kämpf­te um ihn, kämpf­te um die Part­ner­schaft, kämpf­te um den Vater ihrer unge­bo­re­nen Toch­ter. «Ich hol­te Hil­fe, hat­te mei­ne Psy­cho­lo­gin, stürz­te in eine Depres­si­on. Nein, es war kei­ne tol­le Schwan­ger­schaft, ich konn­te mich nicht freu­en, konn­te mich nicht um die unge­bo­re­ne Feli­cia küm­mern, konn­te nicht für sie da sein, konn­te die Schwan­ger­schaft mit ihr nicht genies­sen.»

Logisch nahm Tan­ja öfter Kon­troll­ter­mi­ne war als bei der ers­ten Schwan­ger­schaft. Chris­ti­an beglei­te­te Tan­ja zu jedem Ter­min bei der Gynä­ko­lo­gin. Das Cha­os der Gefüh­le leg­te sich nicht.

In den Som­mer­fe­ri­en woll­te Tan­ja Klar­heit. «Ich beglei­te­te eine Freun­din mit ihren Zwil­lin­gen ins Tes­sin», sagt sie. «Wir blie­ben eine Woche weg. Ich liess ihn in Ruhe. Frag­te ihn nicht stän­dig, war­um. Mein Umfeld ver­schon­te ihn eben­falls und rede­te nicht mehr auf ihn ein, stell­te kei­ne Fra­gen. Bevor ich ver­reis­te, sag­te ich ihm noch, wenn du merkst, dass es nicht stimmt für dich, dann sag es mir.»

Es stimm­te tat­säch­lich nicht für Chris­ti­an. «Kurz vor der 34. Schwan­ger­schafts­wo­che, mel­de­te er sich bei mir. Wir mach­ten ab. Rede­ten», sagt Tan­ja. Sie strahlt. «Und ich merk­te, Chris­ti­an ist wie­der bei mir, ist mir nahe, wir sind ein Paar. Alles ist wie­der gut.»

Gefühls­cha­os nach Schick­sals­schlag

Trotz­dem muss­te sich Chris­ti­an recht­fer­ti­gen, muss­te sein Gefühls­cha­os erklä­ren. «Eini­ge schüt­tel­ten den Kopf», sagt Tan­ja. «Mei­ne Freun­din­nen waren so was von sau­er.» Sie macht eine Pau­se. Der Autor weiss, was nun folgt. «Und ich, ich ver­tei­dig­te ihn über­all. Nahm ihn in Schutz. Argu­men­tier­te. Erklär­te mich, erklär­te sein Ver­hal­ten und mei­ne Reak­ti­on. Genau so, wie ich Wochen zuvor erklärt hat­te, war­um ich ihn nicht ganz gehen las­sen woll­te.»

Tan­ja ist sicht­lich stolz auf ihren Mann. «Stell dir vor, er stand vor mei­ne Fami­lie, und erklär­te, was ihn so ins Cha­os gestürzt hat­te. War­um er alles in Fra­ge gestellt hat­te. Klar blieb bei den einen etwas Unver­ständ­nis zurück. Aber im Gros­sen und Gan­zen glät­te­ten sich die Wogen rasch. Mein Umfeld reagier­te mit viel Ver­ständ­nis und rie­si­ger Betrof­fen­heit. Alle rech­ne­ten sie es ihm hoch an, wie er nun zurück­ge­kehrt war.»

Schicksalschlag. Felicia Zeichnung

Feli­cia ver­misst ihren älte­ren Bru­der ganz fest, sie ist trau­rig, sie hät­te ihn so gern hier. Für die­se DeinAdieu-Geschich­te zeich­ne­te sie sich und Livio.

Feli­cia kam gesund und mun­ter zur Welt, alles war gut. «Bis auf die Tat­sa­che, dass ich sie nicht so gut stil­len konn­te. Das Buschi, sag­te die Heb­am­me, neh­me nicht so zu, wie es soll­te.» Tan­ja woll­te ihr Kind nicht auf die Neo­na­to­lo­gie geben. «Des­halb muss­te ich sie schöp­pe­len und hat­te ein schlech­tes Gewis­sen. Mich plag­ten Schuld­ge­füh­le. Obwohl ich gemeint hat­te, ich hät­te sie weg­ge­legt. Aber es gibt wohl Din­ge, die nie­mand weg­le­gen kann. Es gibt Din­ge im Leben, die wir nicht beein­flus­sen kön­nen, wir kön­nen nichts ändern.»

Und so kehr­ten die Lie­be zurück – und das Leben. Tan­ja strahlt vor Glück.

Text: Mar­tin Schupp­li | Fotos Peter Lauth

 


 

Hilf­rei­che Adres­sen für Ster­nen­kind Eltern

Jas­min Sora­ya Fon­da­ti­on
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Fach­stel­le Kinds­ver­lust wäh­rend Schwan­ger­schaft, Geburt und ers­ter Lebens­zeit
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info@verein-regenbogen.ch | www.verein-regenbogen.ch

 

 

  • Chris­ti­ne Fried­li

    Lie­ben Dank Tan­ja & Chris­ti­an, dass ihr eure Geschich­te mit uns teilt. Am Ende der Geschich­te zu lesen, dass es ein Hap­py­End gibt ist wun­der­schön. Ist es doch nicht selbst­ver­ständ­lich nach dem Ver­lust eines Kin­des.
    Dir,lieber Mar­tin, herz­li­chen Dank für‘s schrei­ben. Berüh­rend schön. Dan­ke.

  • Bri­git­ta Mama­fu­ma Fuma­gal­li-Benz

    sche­en ver­zellt und sche­en gschrie­be. Es wird aim bewusst, dass Mamis und Bab­bis ebbe ver­schie­de tru­ure… und wenn mer das nit waiss, denn kha mer sich ammigs nimm rich­tig ver­stoh❤ y by sehr froh, dass es eych und dr Feli­cia guet goht. s Ver­mis­se wird halt immer do sy…gäll😘
    hebet e gueti Wyeh­nachts­zy­yt… y umarm eych alli 3👪❤😘

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